Impressionen

2. Mai 2019

Ein Tag ohne Schreiben, ist ein verlorener Tag. Also, raff‘ dich auf und berichte, was du siehst und denkst, nach dir wird keiner mehr darüber schreiben.
Seit Tagen rauscht für uns das Meer wieder im Dauerton, Lu hat schon angeregt, dass ich das Geräusch aufnehme und als Dauerschleife abspeichere, damit sie es hören kann, wenn sie zuhause einmal nicht einschlafen kann.
Der Wind bläst seit Tagen böig gegen die Küste, ohne ihn wäre die Sonne schon kräftig genug, uns kräftig einzuheizen. Wir stehen mit unserem Bulli bilderbuchmäßig, also Seitentür zur Seeseite, am Strand von Palouki. Vom Sand trennen uns nur ein Zaun im römischen Stil und ein kleines Feld von Mittagsblumen, die sich an der Böschung festgehakt haben. Die Stangen unserer Markise haben wir an ihren Füßen mit Heringen an den Boden geheftet – so stark ist der Wind. Zu meiner Überraschung findet sich sogar ein Gummihammer in der Werkzeugkiste. Es scheint, wir haben dieses Mal an alles Notwendige und Nützliche gedacht.
Ich schaue durch das lichte Gebüsch hinaus aufs glitzernde Meer. Am Horizont zeichnet sich das dunkle Blau der Küstengebirge auf Höhe der Kalogriabucht gegen den hellen Himmel ab.
Die Mehrzahl der hier in kleinen Parzellen untergezogenen Camper sind VW-Bulli-Liebhaber, ich kann von meinem Platz aus sechs Gleichgesinnte zählen, eine nette, keineswegs laute Gesellschaft ist das. Vorne am Strand steht ein holländischer Ocean, rechts ein paar junge Leute mit einem T5 California. Toll, wie die mit ihren kleinen Kindern umgehen.
In unserem Strandabschnitt mündet ein kleines Flüsschen ins Meer. Man könnte hier einen Damm aus Sand bauen oder gar versuchen, den Fluss umzuleiten. Aber wir sind alt und könnten nur zuschauen, wenn ein Papa sich mit seinem Sprössling dieser widernatürlichen Aufgabe stellen würde. Ich ziehe mit einer langen Bambusstange, and deren Ende eine knotig Verdickung ist, wie Thales von Athen in einem eleganten Bogen um mich einen Kreis. Thales entwickelte aus dieser Übung seine Dreiecksberechnung, mir fehlt heute dazu jedoch jeglicher Bezug. Ich stelle die Stange wie den Zeiger einer Sonnenuhr in den Mittelpunkt des Kreises, sehe aber keinen Schatten. Ich schaue auf die Apple-Watch, der digitale Zeiger zeigt auf zwölf.
Zu Mittag gibt es Kaffee und und ein Schokocroissant, das wir uns brüderlich teilen. Ich lese laut das dritte Kapitel aus Klaus Modicks Buch „Sunset“ vor. Wir stellen beide übereinstimmend fest, dass dieses Buch ein ausgesprochener Glücksgriff war.
Die Sonne steht nun tiefer, das Glitzern auf dem Wasser hat sich flächig ausgebreitet. Eine Frau fragt, ob es hier immer so windig sei. Ich sage, dass wir erst gestern gekommen seien und seitdem keine Minute ohne Wind erlebt hätten. Während ich hier meine Notizen festhalte, sitzt Lu vorne am Hotspot, erledigt dort ihre Internetkorrespondenz und kümmert sich dabei so gut es geht um ihre Kunden. Man ist ja schließlich nicht aus der Welt. Meinem Freund Klaus schicke ich nicht ohne angeberischem Stolz ein romantisch anmutendes Strandbild. Er schreibt umgehend zurück, dass er sich morgen zusammen mit seiner Frau auf eine Nordlandreise begibt; man ist also nicht der einzige „Weltenbummler“. Ich schicke das gleiche Bild an meinen ehemaligen Kollegen Bernhard. Der zeigt sich begeistert und bedauert, nicht ebenfalls hier sein zu können – das nenne ich eine adäquate Reaktion.

5. Mai 2019
Wie ein Theaterrund hinterfangen Bergzüge weiträumig die Buch von Navarino, die zur Meerseite hin vom Kap Koryfasio und der Insel Sfakteria eingefasst werden. Hier also wurde vor imaginären Zuschauerrängen im Oktober 1827 eine der größten Seeschlachten der Neuzeit ausgetragen. Das muss man erst mal auf sich wirken lassen. 55 türkische Schiffe fanden hier ihr Grab auf dem Meeresboden. Damit war die Macht des Osmanischen Reiches in der Ägäis endgültig gebrochen und frei war der Weg für die Bildung eines souveränen griechischen Staates, ohne dass die Griechen selbst allzu viel dazu beigetragen mussten. Über Pylos und die Bucht von Navarino lässt sich in schlauen Büchern einiges nachlesen. Seeschlachten gab es hier schon in der Antike. Im Norden der Bucht, Odysseus lässt grüßen, findet sich der legendäre Palast des Nestor. Auf der Spitze eines Felsenriffes kann man ein eingestürztes mykenisches Kuppelgrab entdecken, oberhalb der Höhle erkennt man die Mauerreste einer fränkischen Burg. Die Insel Sfakteria war im Peloponnesischen Krieg Schauplatz einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen Athenern und Spartanern. In dieser gewaltigen Kulisse also packen wir unser Campinggestühl aus und sehen, den Dumont-Kunstreiseführer zur Hand, beeindruckt ins Rund – mit Sonne im Gesicht und Mythos-Bier in den Adern. Wie privilegiert wir doch sind, denke ich.

6. Mai 2019
Unser Nachbar aus Heilbronn steht mit seinem Wohnmobil ganz hinten an der Mauer. Hier grenzt der Campingplatz an ein privates Grundstück. Er hat sein Wohnmobil samt Vorzelt mit einem mehrfach verspannten grünen Sichtschutz umgeben, gerade so hoch, dass man noch darüber schauen kann. Manchmal sehen wir den Kopf unseres Nachbarn kurz über dem grünen Sichtschutz wie eine Boje im Wasser auftauchen. Später hatte ich das Glück, ihn für kurze Zeit in voller Größe zu erleben. Unten trägt er weite, blaue Freizeithosen, oben ein weites, blaues Hemd, das in Höhe der Schultern ganz verwegen einen weißen Streifen zeigt. Um das weite Hemd hat er unter dem sich vorwölbenden Bauch einen blauen Stoffgürtel geschnürt, auf diese Weise steht das Hemd unterm Bauch etwas ab. Unser Nachbar ähnelt damit einem russischen Muschik aus der Zarenzeit. Seine kurzgeschnittenen weißen Haare und der akkurat gestutzte Bart, lassen jedoch auf einen pensionierten Beamten schließen. Seine Frau haben wir erst einmal gesehen, als sie ihrem Gatten Anweisungen gab, wie er dem grünen, umlaufenden künstlichen Rasen eine bessere Bodenhaftung geben kann. Der starke Wind hatte den grünen Teppich an einigen Stellen vom Boden gelöst und dabei die Heringe gelockert, die ihn festhalten sollten. Unser Nachbar hat dann zusätzliche Heringe aus der Werkstatt im hinteren Teil des Wohnmobils geholt. Als er die kleine Tür am Heck seines Fahrzeuges öffnete, sah ich an deren Rückwand das Werkzeug wohlsortiert in sauber geordneten Hängetaschen verstaut. Nun erst sah ich, dass die Heringe im Eingangsbereich zwischen Vorzelt und Sichtschutz mit rot-weißem Trassierband umwickelt waren, wohl um rechtzeitig auf diese Stolperfallen aufmerksam zu machen.
Nachdem die Arbeit getan war, verschwanden unsere Nachbarn wieder für einige Zeit in ihrem Wohnmobil, was dort im Inneren der Burg zu richten war, entzog sich meinen Augen.
In diesem Moment aber sehe ich meinen Nachbarn wieder aus dem Vorzelt treten, natürlich sehe ich nur seinen Kopf, aber es kommt etwas Neues hinzu: Ich sehe jetzt auch seine Hände und i seinen Händen eine Kamera. Er scheint etwas fotografieren zu wollen, was außerhalb seines Sichtschutzzaunes liegt. Er richtet die Kamera aufs Meer. Sehr lange hält er das Gerät vor sich mit beiden Händen, aber zwischen Kamera und Kopf bleibt ein Abstand von mindestens 20 Zentimeter. Ich glaube, er fotografiert oder filmt die kleine griechische Flagge, die er in seinem Hof aufgestellt hat. Wie man an seinem Gesicht sehen kann, scheint ihm das ein großes Vergnügen zu bereiten. Von seiner Frau habe ich an diesem Tag nichts mehr gesehen.

7. Mai 2019
Das Meer füllt das ganze Fenster aus. Es rollt heran, überspült einen Felsen und weicht wieder zurück nur um kurz darauf erneut sein Spiel zu beginnen. Manche Leute sitzen den lieben langen Tag vor ihrem Aquarium und starren auf die bunten Fische in dem Behälter. Ich schaue durchs Fenster unseres Bullis und sehe und höre und genieße nur das Meer. Ja, richtig. Wir haben wieder einen Platz am Ufer gefunden und stehen ganz allein da und die Natur spielt zu unserem Privatvergnügen Theater, zwar immer dasselbe Stück, aber nie langweilig.
Es gibt menschliche Bauwerke, die wirken auf mich wie das Meer, sie scheinen immer schon dazustehen und trotzen unbeeindruckt vom Wüten der Geschichte den unruhigen Zeiten. Ein solches Bauwerk ist die venezianische Festung von Methoni. Groß und gewaltig widersteht sie der Vergänglichkeit. Die Festung wurde von den Venetianern auf den Fundamenten einer noch älteren Burg gebaut und sollte Handel und Wandel der Stadt im Zeichen des Markus-Löwen sichern. Später eroberten die Osmanen die Festung, dann holten sie sich die Venetier zurück, dann wieder die Türken und schließlich fiel sie an die Griechen und bedeckt bis heute wie ein riesiger, steingewordener Krake die felsigen Ausläufer des westlichsten Zipfels der Peloponnes. Solche Festungen wirken auf mich wie das ewige Donnern des Meeres, gewaltig und schauerlich schön.

8. Mai 2019
Die Tür wurde in dem schönen, kräftigen Blau gestrichen, wie man es in Griechenland häufig findet. Auf dem gelben Ocker der Hauswand prangen rechts neben der Tür zwei Palmen, die, wenn ich den Farbflecken darunter richtig interpretiere, auf einer einsamen Insel zu stehen scheinen. Über den Wipfeln der Bäume die Buchstaben „W“ und „C“, ebenfalls in Blau. An der Rückwand des schmucken, von richtigen Bäumen umstandenen Häuschens ist auf gelbem Feld symbolisch das Zeichen für Wasserhähne zu sehen. Über den Hähnen zeigt sich eine auf- oder untergehende Sonne, über lichtblauem Meer. Die Anschlüsse für das Wasser sind nicht mehr vorhanden. Wir haben es offensichtlich bei diesem Gebäude mit einem ehemaligen Außenposten des zivilisierten Lebens auf einem ehemaligen Campingplatz zu tun. Blickt man weiter um sich, sieht man zwischen den Bäumen im Zentrum des Geländes die Reste einer weiteren Wasserstelle, ein noch größeres Klohäuschen stehen. Nicht weit davon das aufgelassene Verwaltungsgebäude, ein paar Meter weiter die hölzernen Trümmer einer Strandbar, daneben eine hellblau gestrichene Bretterbude, die merkwürdig schief eine Stranddusche bewacht. Das war wohl ehedem eine Umkleidekabine. Das alles mutet seltsam an für einen, der hier einen sonnigen Platz am Strand sucht und dann diesen Zufluchtsort findet. Wir sind nicht enttäuscht, denn wir lieben das Einfache und Skurrile, das Schräge und Gegensätzliche. Und man kann sagen, was man will, in den ehemaligen Toiletten, die übrigens auch alle liebevoll und einladend bemalt wurden, läuft immer noch das Wasser, sauber und kostenlos.

16. Mai 2019
Ein wohliges Gefühl, es ist fast wie zuhause und doch im anregenden Fremden. Seite gestern Abend stehen wir wieder zu Füßen des schlafenden Löwen in Lentas. Alles ist noch an seinem Platz, es hat sich erst bei genauerem Hinsehen das eine oder andere verändert. Das El Greco hat ein neues Schild bekommen, Aris hat seine Ferienwohnungen weiter ausgebaut und Christina hat ihren Laden farbenfroh aufgehübscht. Der steinerne Löwe bewacht weiter etwas verschlafen die Bucht, keiner hat es gewagt, ihm ein Häuschen in den Pelz zu setzen. Und um pathetisch eins draufzusetzen: Das ewig anbrandende Meer und die rollenden Steine bewegen sich seit Anbeginn der Zeiten im gleichbleibenden Rhythmus.
Wir haben uns einen Felsvorsprung zum Frühstücksplatz gewählt, die ganze Bucht lässt sich von aus überblicken. Hinter dem Elefantenfelsen kommt gerade ein Fischerboot hervor, hörst du es noch tuckern? Hat Aris nicht gesagt, dass es heute Abend Fisch geben soll? Auf der strahlend gelben Blume, die sich in einer Felsspalte ihr auskömmliches Plätzchen gesucht hat, versucht schon seit geraumer Zeit ein Insekt, viel kleiner als eine Biene, Nahrung zu finden und bei diesem Bild denkt man bei sich, alles hat hier seinen Platz und seine Zeit. Wie simpel sich manchmal alles in einem Augenblick zusammenzieht und schon im nächsten verspürt man einen Druck auf der Blase und alle Besinnlichkeit ist mit einem Schlag vorbei.
Es ist 12.04 Uhr. Seit 9.00 liegen, stehen, sitzen wir am Strand, Wanderer kommen vorbei, abwechselnd geht einer hinauf zum Auto, um Erdnüsse, Orangen, Bücher, Bleistifte etc. zu holen. Lu sitzt zwischendurch am Computer, ich mache Notizen zu den Memoiren der Madame d‘Épinay, man blickt aufs Meer, sieht einen Frachter vorbeiziehen, Öl für die Tanks von Kali Limenes, das zwei, drei Buchten hinter dem Löwen liegt.

18. Mai 2019
Die schönste Stimmung kann augenblicklich in sich zusammenbrechen, wenn sich am Strand in deiner Nähe zwei alte Fetteln niederlassen und sich lauthals über Belanglosigkeiten auslassen. Können die denn nicht woanders hingehen, Platz gäbe es doch genug. Störend ist auch die Stampfmusik, die aus der Taverne herüberklingt – gefühlloses Pack!

Die Zeit vergeht, kenntlich am Wechsel von Tag und Nacht, ohne dass immer klar ist, welchen Wochentag wir gerade haben. Radio, Fernsehen oder Zeitungen gehören nicht mehr zu den üblichen Taktmessern, wichtig ist nur wie lange die Vorräte reichen und wieviel Strom die Solarzelle produziert. Es überrascht doch immer wieder, wie wenig man eigentlich braucht, wie gut einfache Gerichte unter freiem Himmel schmecken, wie köstlich ein Schluck Wein sein kann, den wir im letzten Licht des Tages im Gaumen spüren. Ein Kloster unter dem Felsen aufsuchen, ein Schlucht durchwandern, sich nackt in die Brandung werfen, die Arbeit an seinem Buch voranbringen, mit Gleichgesinnten sprechen – das füllt unsere Tage. Heute haben wir einen Griechen kennengelernt, der uns auf das Regensburger Kennzeichen unseres Bullis hin ansprach. Er lud uns ein, in seinen Garten zu kommen und versorgte uns mit Lauch, Zwiebeln und Paprika. Er hat einen Bruder in Regensburg und sei mit einer Frau verheiratet, die Ingrid heiße, erzählte er uns. Wir versprachen nach unserer Heimkehr den Bruder und dessen Frau Ingrid von ihm zu grüßen. Im Kloster Moni Kapsa begegneten wir einem weißbärtigen Mönch, der uns viel über die Geschichte des Klosters erzählte. Wir verstanden kein Wort und schauten in die stummen Gesichter der Heiligen auf den Ikonen, die, wie ich gelesen hatte, alle von der Anwesenheit Gottes künden sollen. Wir sind berührt, wissen aber nicht recht den Grund dafür zu nennen. Dort, wo sich Himmel und Meer berühren, liegt Koufonisi, die Traum- und Schicksalsinsel aus meinem Roman „Die Keule des Herakles“. Kein Schiff hat uns heute hinüberbringen können, damit ich sehen kann, was ich beschrieben habe. Die Insel bleibt weiter in meinen Träumen und das ist ein guter Ort für eine weiße, unbewohnt Insel im Lybischen Meer. Anderntags sehe ich sie unwirklich nahe vom Kap Goudoura aus und wieder einen Tag später ist sie zum Greifen nahe von den Hügeln über Atherinolakkos aus zu sehen. Warum kann uns nicht einer der Fischer, deren Boote im kleinen Hafen unten in der Bucht liegen, hinüberbringen? Doch sie wissen mit den Träumen eines Germanos nichts anzufangen; ihnen liegt das Flicken der Netze näher als der verflogene Zauber der Antike. Und von einem deutschen Autor, der in seinem Roman über eine Inselnacht geschrieben hat, wissen sie schon zehnmal nichts und was interessieren schon Purpurschnecken, wenn man heute keinen Euro damit verdienen kann? Ach ja, die Keule der Herakles, kein Souvenirverkäufer hat das Gehäuse dieser Schnecke im Sortiment und darauf angesprochen, zuckt er nur mit den Schultern und deutet auf eine andere Schnecke, die mit der Musterung eines Tigerfelles, die sei doch auch schön.
Das Träumerische kann auch auf dem traumhaften Kreta schnell in krude Realität umschlagen. Du rufst eine alte Freundin an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren und erfährst, dass sich ein Krebsgeschwür in ihrem Körper eingenistet hat. Die Ärzte wissen noch nicht, um welchen Schweregrad es sich handelt, aber an der Bauchspeicheldrüse ist es allemal gefährlich. Da sitzt du im Schatten einer Tamariske, schaust hinaus aufs blaue Meer und dann sowas. Es ist immer alles gleichzeitig vorhanden, das Gute und das Verkommene, die Lust und der Schmerz …

2. Juni 2019
Am Freitagnachmittag kam eine Mutter mit ihren fünf Kindern auf den Campingplatz. Sie schlugen ihre Zelte unter den Bäumen, keine dreißig Meter von uns entfernt, auf. Mit der Ankunft der Familie ist alles anders geworden. Die beschauliche Ruhe unseres ersten Tages hier ist dahin, das Geschrei der Kinder ist bis in die Nacht und schon wieder am frühen Morgen zu hören. Den ganzen Tag über belagern sie den Swimmingpool, von allen Seiten des Beckens setzen sie ihre Arschbomben, laufen hin und her, fangen bei den kleinsten Anlässen laut an zu schreien, stacheln sich immer wieder gegenseitig hoch, während die Mutter leise lächelnd ab und zu den Rad des Pools abschreitet und das Treiben ihrer Bande als etwas ganz Normales betrachtet. Wir beobachten, dass deutsche Urlauber genervt und ratlos wieder ihre Handtücher aufnehmen und den Rückzug zum Wohnwagen antreten. Müsste nicht spätestens jetzt der Costa eingreifen, die Mutter und deren Kinder ermahnen, die Regeln des Platzes einzuhalten? Verliert er nicht an seiner Poolbar zahlende Gäste, wenn er das nervtötende Geschrei und Geplansche zulässt? Costa tut nichts dergleichen, vielleicht gehören die Mitglieder dieser Familie ja zu seinem Clan. Unsere Zeitplanung hält uns noch zwei Tage an diesem Platz fest. Zum Glück verlässt der Camper aus Bonn gegen Mittag seinen Platz, das ist ein Platz, der uns gefallen könnte und den wir einnehmen, kaum dass der seltsame Nachbar das Gelände verlassen hat. Warum sage ich „seltsam“? Der Mann hat mit uns, seinen Nachbarn, kein Wort gesprochen, wie sehen ihn immer nur allein unterwegs. Gestern Abend sahen wir ihn nach Sisi wandern, ohne seine Frau. Heute Vormittag war er allein am Swimmingpool, auch wieder ohne seine Frau. Wir wissen, dass er eine Frau hat, vorgestern haben wir sie noch gesehen, ein Buch lesend. Seitdem hat sie sich nicht mehr gezeigt. Was ist mit dieser Frau? Liegt sie krank im Pössl oder treibt sie schon tot im Meer? Wir konnten den Bonner nicht mehr fragen.

Wir verhalten uns zueinander wie der Hase und der Igel. Manchmal sind wir der Hase und Tom ist der Igel, manchmal ist es umgekehrt. Tom unterrichtet Kunst an einem Gymnasium in Augsburg. Er hat sich ein Sabbatjahr genommen und tourt seit drei Wochen mit seinem blauen Bulli und seinen zwei Hunden über die Peloponnes. Er findet zum Übernachten stets die schönsten Plätze, aber wir stehen ihm darin nicht nach. Manchmal sind wir die ersten in der einsamen Bucht, ein andermal ist Tom schon auf dem Berg über dem verlassenen Dorf. Gestern ist ihm das Gas ausgegangen, aber er konnte bei uns, seinen Nachbarn, sein Nudelgericht zu Ende kochen. Ihr habt den gleichen Riecher, sagt er anerkennend. Wir freuen uns, dass wir Tom kennenlernen durften. Leider nur für kurze Zeit. Tom hat irgendwann einen anderen Platz gefunden. Wie es ihm jetzt wohl gehen wird?

12. Juni 2019
Da steht ein Mann so bauchig wie ein Walross in der silbrig schimmernden See. Er tut nichts, er steht nur bis zu den Waden im Wasser. Sein Gesicht liegt im Schatten seines Sonnenhutes. Ich sehe nicht, wohin er schaut, ob auf den flachen, welligen Meeresboden oder ins Glitzern der spiegelnden Wasseroberfläche. Ich weiß nicht, an was er denkt, ich höre nicht, ob er gerade eine Melodie vor sich hin summt. Ich sehe nur seinen Schattenriss gegen das Licht und ich überlege, wann und ob er sich wieder einmal bewegen wird. Wenn er sich nicht rührt, beginne ich zu glauben, dass der Mann ein Fels ist und nur dem Umriss nach ausschaut wie ein Mann mit knielangen Hosen und einem Bauch, der einer Kugel gleicht, auf der eine weitere Kugel, sein Kopf aufsitzt. Ich schaue weg und wieder hin. Der Mann, der so bauchig wie ein Walross in der silbrig schimmernden See steht, ist ein Felsen. Oder?

1 Kommentar zu „Impressionen“

  1. Ich bin begeistert und gleichzeitig neidisch. Was für ein Mut, mit welcher Konsequenz ihr das Projekt durchzieht. Respekt. Ich schäme mich fast für meine umgreifende Bequemlichkeit. Als ich unlängst zu einer organisierten Rentnerrundreise nach Montenegro vom Flughafen Hannover abhob ging es über unseren gemeinsamen „Wohnsitz“ und ich musste etwas wehmütig an unsere gemeinsame Zeit denken.
    Liebe Grüsse und bleibt fit
    Euer Klaus

Schreibe einen Kommentar zu Klaus Marchio Kommentieren abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.