Sizilien 2019

Tag 1, Sonntag, 15. September 2019 – Regensburg – Lago Maggiore

Früher als geplant starten wir um 9.33 Uhr von Regensburg Richtung Genua, von wo Montagnacht die Fähre nach Palermo startet. Geplanter Zwischenstopp soll bei Bellinzona sein. Wir nehmen die Route München, Lindau, Chur, San Bernadino-Tunnel, Bellinzona, Lago Maggiore und fahren auf italienischer Seite auf einen Parkplatz direkt am rechten Ufer des Lago Maggiore. Schön angelegter kleiner Parkplatz direkt an der Straße mit Blick auf den See und die untergehende Sonne. Die Camper neben uns aus Freiburg, ein Paar mittleren Alters aus LDK und ein Franzose. Zum Abendessen gibt es Ratatouille von zu Hause, vorher das obligatorische Anlegerbier und Rotwein aus heimischen Restbeständen. Vom LDK-Mann bekommen wir brauchbare Informationen zu Stellmöglichkeiten am Kaiserstuhl (Bassgeige). Nachteil des Stellplatzes ist doch etwas der Straßenlärm, obwohl nachts kaum Verkehr herrscht. Angenehme, nachts fast zu hohe Temperaturen. Zeitweise ohne Decke geschlafen.

Unsere erste Bleibe am Lago Maggiore
Sonnenuntergang am Lago Maggiore

Tag 2, Montag, 16. September 2019 – Lago Maggiore (bei Maccagno) – Genua

Nach einer etwas unruhigen Nacht steht Winfried bereits vor acht auf und richtet das Frühstück. Nach alter Bullimanier gibt’s Butterbrot mit Schafskäse und Tomaten, dazu löslichen Kaffee.  Nach dem Abwasch und einer kleinen Morgentoilette laufen wir zu einem nahegelegenen Kiesstrand ans Ufer und machen uns dann schon sehr bald auf den Weg nach Genua zum Fährhafen. Wir haben ja schon einiges an Schrecklichkeiten zum und über den Genueser Hafen gehört und hoffen, dass uns diese erspart bleiben. Die Zufahrt ist für Uneingeweihte recht chaotisch, zumal wir auf der Internetseite der GNV-Fährlinie keine konkreten Adressangaben finden können. Straßen unter und übereinander, kreuz und quer, Verkehrsteilnehmer in ungewohnter Wildheit, ein aufreibendes Nervenspiel für Fahrer und Beifahrer.  Nachdem wir mehrfach auf die Autobahn zurück gelotst wurden, haben wir es schließlich doch geschafft und sind aber bei der Hafeneinfahrt von einem ungehobelten jungen Hafenwärter wieder aus dem Hafengelände vertrieben worden. Erst um 17.00 Uhr können wir Einlass bekommen. Ziemlich entnervt fahren wir orientierungslos Richtung Zentrum und finden dann aber sehr bald eine Möglichkeit, unser Auto abzustellen um uns zu orientieren. Und prompt sehen wir unweit das Hafenbüro von GNV. Dort erhalten wir dann unser Ticket und den Hinweis, dass wir recht früh dran wären. Im angegliederten Einkaufszentrum kaufen wir Brot und Tomaten. Zurück am Auto gibt es eine kleine Brotzeit und dann machen wir uns zu Fuß auf in Richtung Innenstadt. Sicher haben wir die Hauptsehenswürdigkeiten nicht gesehen, dafür aber enge, verwinkelte, enge Gassen, die im Hafenviertel vor allem von dunkelhäutigen Menschen bewirtschaftet werden.

Genua

Dann lange Wartezeiten vor der Einschiffung. Schließlich, fast als letzte müssen wir bei Nacht rückwärts in den Schiffsbauch mit unserem Bulli. Gefilmte Ausfahrt aus dem Hafen von Genua und Inspektion des Schiffes, Anleger- bzw. Einschiffungsbier und baldiger Rückzug in die Kabine.

Am Fährhafen von Genua

Tag 3, Dienstag, 17. September 2019 – GNV Excelsior von Genua nach Palermo

In einer Außenkabine genächtigt, aufgewacht bei „klarer Sonne“ und „dunstreicher Atmosphäre“. „Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig fort“. Den Tag weitgehend auf Deck, in Kabine und diversen Gesellschaftssalons zugebracht. Das Frühstück in der Schiffsbar mit Kaffee, Croissant und Orangensaft viel recht bescheiden aus. Kleine Lesung aus der „Italienischen Reise“ von J.W. v. Goethe bei einer ordentlichen Brise auf dem Sonnendeck 9. Mittagessen aus mitgebrachter Küche mit Würstchen, Käse, Brot und Banane. Danach ein Paulaner Hefeweißbier in der Schiffsbar und anschließend Mittagsruhe in der sonnendurchfluteten Kabine. Der späte Nachmittag zieht sich. Pünktlich um 19.00 Uhr, genau nach 20 Stunden Fahrzeit, legen wir in Palermo an. Als wir aus dem Schiffsrumpf entlassen werden, ist bereits die Nacht hereingebrochen und mit Hilfe von „Park 4 Night“ streben wir einen nahegelegenen Stellplatz in der Via Imperatore Federico 116 GPS N 38°8‘51“ E13°21‘10“ an. Nicht schön aber praktisch am Fuße des Monte Pellegrino, „dem schönsten Vorgebirge der Welt“ wie Goethe es nannte. Ein guter Ausgangspunkt für die Besichtigung von Palermo.

Tag 4, Mittwoch, 18. September 2019 – Palermo

Gegen 8.00 Uhr erheben wir uns mit Kopfschmerzen aus unserem Nachtlager. Die Nacht war erstaunlich ruhig. Nach dem Frühstück machen wir uns mit den Rädern auf ins Zentrum von Palermo. Am Piazza Castelnuovo stellen wir unsere Räder, doppelt gesichert, direkt vor einem Taxistand ab. Wir folgen zu Fuß der Via Ruggero Settimo und sind schon bald am Theatro Massimo, wo wir an der Touristeninfo einen Stadtplan erstehen aber leider keine Karten für La Traviata heute Abend. Unser nächstes Ziel ist das archäologische Museum, sehr schön aber leider nur in Teilen zugänglich, was unserem Aufnahmevermögen an sich recht entgegenkommt. Immer wieder erstaunlich wie bunt die griechischen Tempel bemalt waren. Gegen einen Aufpreis von 1,50 € sind im Eintrittspreis noch ein Croissant und ein Espresso im Museums Café inbegriffen. Nach kurzer Stärkung machen wir uns auf zur Kathedrale (Normannendom), die von außen der vielfältigen Formensprache wegen interessanter wirkt, als die eher einförmige Innengestaltung. Hier befindet sich auch die Grablege Friedrichs II. Wir verzichteten auf deren Besichtigung, das haben wir bei unserer Studienreise mit Studios bereits erledigt. Nächster Anlaufpunkt ist der Normannenpalast (Palazzo Reale), dessen verzierte Cappello Palatina sehenswert ist. Der Rundgang durch den angegliederten Gardini ist nicht sehr ergiebig. 12 Euro Eintritt sind hierfür recht happig. Beim Schlendern durch die Stadt auf der Suche nach der schönen weitläufigen Brunnenanlage der Piazza Pretoria durchqueren wir ein recht buntes Marktviertel in dem reges Treiben herrscht. Endlich beim Brunnen angelangt tun wir uns schwer diesen optisch zu erfassen. Von der Hitze erschöpft lassen wir uns in einem nahegelegenen Cafe zu einem Moretti-Bier nebst Salami-Emmentaler-Baguette nieder. Beides ist vorzüglich, das Bier angenehm gekühlt, das Baguette knusprig warm und scharf. Danach treten wir über die Via Bara all‘ Olivella, einer schmalen Gasse mit Kunst, Kitsch und Tavernen zwischen Archäologischem Museum und Oper den Rückweg zu unseren Rädern an.

Tag 5, Donnerstag, 19. September 2019 – Palermo – Segesta – San Vito lo Capo

Auf der Autobahn nach Segesta, den längst bekannten unvollendeten Tempel im elymischen Stil und das zugehörige Theater besucht. Haben die Antiken gleich wieder erkannt, aber das hohe Gras vom ersten Besuch fehlte, unseren Fotos fehlt also das gewisse Geheimnisvolle und die Gottheit war auch nicht anwesend. Trotzdem, auch dieses Mal wurden dem unbekannten Gott unzählige Fotos geopfert. Mit dem Bus hinauf zum Theater gefahren, einmal ins Rund geblickt, die Sitzstufen hinabgestiegen und zurück zur Bushaltestelle. Von oben den Tempel zu unseren Füßen als kleines Korkmodell gesehen. Erkenntnis aus der Beobachtung anderer Besucher: Je fetter, je fitter. Kurze Lagebesprechung ergab: Erholungstag am Strand von San Vito lo Capo ins Auge gefasst. Stellplatz an der SP63 in der Via del Secco 80 gewählt. Anlegerbier getrunken und anschließend kleine Radtour in den Ort, Brot eingekauft und erfrischendes Bad im Meer am stark frequentierten Strand. Penne Arrabiata mit Rotwein zum Abendessen. Beim anschließenden Kartenspiel gewinnt ausschließlich Winfried, ganz ohne eigenen Verdienst, ein guter Kartenspieler war er ja noch nie.

Abendspaziergang in den Ort, der sich für das jährliche Cous-Cous-Fest rüstet und die Plantagen dichtgedrängter Strandliegen im Sonnenschirmwald um Verkaufsbuden für allen möglichen Ramsch aus China erweitert.

Tag 6, Freitag, 20. September 2019 – San Vito Lo Capo – Zingaro

Wir folgen der Straße von San Vito aus Richtung Norden um den Monte Monaco herum bis zum südlichen Eingang des Naturreservates Zingaro. Menschen über 65 Jahre zahlen keinen Eintritt, für jüngere müssen 5 Euro entrichtet werden. Ich freue mich zu früh, der Nulltarif gilt nur für Italiener. Lu möchte gleich nach Brüssel an die EU-Kommission schreiben: Unterschiedliche Behandlung darf doch nicht sein, das ist Ausgrenzung und Diskriminierung, hier machen die Italiener das, was sie uns Deutschen beim Thema Maut vorwerfen. Der Wanderweg soll an lauschigen Buchten vorbeiführen, die den Wanderer zum Baden einladen, Ja, einladend sind die Buchten besonders an heißen Tagen wirklich, aber da liegen die Naturfreunde Decke an Decke, zwischen den weißen Kieseln ist fast kein Durchkommen zum azurblauen Wasser. Und von See kommen die Badeschiffe, die ihre Besatzung unter großem Hallo ins Meer schütten. Für uns ist das Wasser die letzte Zuflucht vor dem Hitzetod. Eine Bucht soll es noch ganz hinten geben, nach der Grotte, eingebettet zwischen bizarren, messerscharfen Felsen, dorthin gehen wir, weil doch die erste Bucht schon so voller Naturfreunde war, aber was erkennen wir kurz vor dem Ohnmachtsanfall? Ins Wasser kann man hier nur als Kletterkünstler, schwindelfrei und unter 60, und die letzten Meter im Sprung vom Felsvorsprung und wie man wieder rauskommen soll, ein Rätsel. Wir entschließen uns zur Umkehr und erreichen mit letzten Kräften die Bucht der menschlichen Heringe, denn so liegt man dort, wie ein marinierter Hering in der Fischdose. Hier kann man die menschliche Rasse in ihrer Freizeitausgabe studieren: fette und dürre, flache und kugelige Bäuche, Hängebrüste und Spitzkegel, behaarte und glatte Hautflächen, Schönlinge und Aufgemotzte, Puppen und Selbstverliebte – alles ist da auf wenigen Quadratmetern Kieselstrand versammelt und wir mitten drin.

Badebucht im Zingaro Nationalpark

Wir treten die Rückfahrt an, nicht ohne vorher am Eingang zum Park ein Bier zu tanken, mit Turbo geht es bergauf und im Sausewind bergab, Lu erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 40 km/h, ihr roter Rucksack pfeift wie das Rücklicht eines schnellen Wagens um die Kurven. Auf unserem Stellplatz dann kurzer Boxenstopp für Dusche und Nachmittagsschläfchen, dann müssen wir uns schon um wieder um die Grundversorgung mit Obst und Bier und Brot und Wurst und dies und das kümmern. Vielleicht eine Pizza im Ort essen? Ach nein, wir machen Brotzeit mit allem, was wir auf den Tisch bringen können, alles ist gut, wie man neudeutsch zu sagen pflegt.

Tag 7, Samstag, 21. September 2019 – San Vito Lo Capo – Erice – Parking Alba Nautica Club

Knapp 800 m über dem Meeresspiegel thront hinter Trapani das bestens erhaltende, von Touristen massenhaft besuchte und trotzdem pittoreske und zudem mittelalterliche Erice hoch über Land und Meer. Ein wunderbarer Ausblick auf unsere Anfahrt von San Vito aus, vorbei am Monte Cofano zu dessen Füßen, wenn es nach uns gegangen wäre, schon der nächste Stellplatz hätte sein können. Lu hat für uns einen Agricamping-Platz auf der Strecke von Trapani nach Marsala ausgemacht, am Meer gelegen, unweit der Salinen, der Mühlen und all den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die man hier vorfindet. DAs erwarten wir auf dem Gutshof: Kiefern, besser Pinien, Berge von Honigmelonen, fette Weintrauben und saftigen Schinken, zu dem der lokale Marsala gar köstlich mundet, frisches, noch ofenwarmes Weißbrot, mit heißem Olivenöl bestrichen – ach, wie hätte das schön sein können. Das weitläufige Gelände, es war fast alles vorhanden, von dem gerade fantasiert wurde, aber leider, leider, gab es niemanden, der uns begrüßte, kein Menschenseele zeigte sich, wie von Geisterhand alles verlassen. Der letzte Camper, der hier sein Glück suchte, muss vor Jahren hier gewesen sein, doch immer noch floss klares Wasser aus den Hähnen im zugigen Waschsalon, wir hätten bleiben und heute Nacht den Wind in den Bäumen rauschen hören, aber nein, es war uns doch zu verlassen. Im Alba Nautice Club findet wir ein Plätzchen für die Nacht, nicht ohne Schwierigkeiten beim richtigen Einparken, der Platzwart gestikuliert und redet und ich begreife nicht, was er will, aber dann stehen wir und trinken unser Bier, alles o.k. soweit.

Tag 8, Sonntag, 22. September 2019 – Alba Nautic Club – Marsala – Mazara – Triscina, Campingplatz Helios

Unangenehme Überraschung beim Begleichen unserer Übernachtungsgebühren. Der Behelfsplatz, alles war nur ansatzweise vorhanden, kostet 20 Euro und für das opulente Abendessen auf Kunstrasen und Plastikschalen, zweimal Nudeln mit Fertigsoße, dazu ein billiger Weißwein verlangt der Mafiosi 37 Euro, also zusammen 57 Euro für eine windige Bleibe, das war schon einen Asbach-Uralt wert. Merke für das nächste Mal: Forscher auftreten, gleich bei der Anmeldung klare Nachfrage und alles sofort klären, bevor man sich auf die schlitzäugigen Sizilianer einlässt. Wir besuchen nach dem Frühstück die nächstgelegene Salinenanlage an der Via del Sale, die auch besichtigt werden kann. Na, interessant ist das schon, wie aus dem Meer das Salz gewonnen werden kann, die Leute machen das seit Jahrhunderten in nahezu unveränderter Weise. Ganz schön anstrengend, die Arbeit in der Sonne! Also, wir wollen alles über Salzgewinnung wissen und zahlen 7 Euro Eintritt für das kleine Museum. Man darf auch auf den Mühlenturm steigen und die Verdunstungsbecken von oben betrachten. Ein Schiff bringt die Touristen hinüber zur Insel Mozia. Hier beschlossen die Phönizier, wie der Reiseführer berichtet, vor fast 3000 Jahren die erste und größte Stadt auf sizilianischen Boden zu errichten. Die Überfahrt kostet nur 5 Euro pro Person, aber wer die phönizischen Trümmer dort in Augenschein nehmen will, muss noch einmal 9 Euro berappen – wir verzichten, die Nacht war teuer genug. Heute soll es ein Campingplatz der oberen Kategorie sein, denn wir wollen einmal richtig duschen, vielleicht auch einmal von Porzellantellern essen und mit unserem Auto direkt am Meer stehen. Wir orientieren uns an einem Bild im WOMO-Führer und wählen den Campingplatz Helios in der Via del Mediterrano in Triscine. Der Platz verfügt, wie uns die Autoren Christian und Christine Winkler versprechen über alle Einrichtungen, direkten Strandzugang, Pool, div. Sportangebote, Restaurant, Bar und schattige Stellplätze. Bei unserer Ankunft ist keiner in der Rezeption, wir suchen uns mit Hilfe eines schwarzen, aber nicht geschäftsfähigen Angestellten einen Platz in Strandnähe. Es gibt Meeresrauschen und etwas Schatten und ruhig ist es bis auf das Rauschen auch. Die Anmeldung kann Lu dann kurz vor 18.00 Uhr vornehmen, aber wieder bleibt einiges im Unklaren. Die Dame an der Rezeption spricht kein Englisch, W-LAN stehe leider nicht zur Verfügung und was der Platz kostet, das ist so ohne Weiteres auch nicht herauszubekommen, so um die 20 Euro und vielleicht noch die eine oder andere zusätzliche Gebühr, die sicherlich der Herr mit Goldkette einsteckt, der gleich wieder mit Mieze und Mercedes das Weite sucht, Geschäfte, Geschäfte, du verstehen? Aber! Neben der Saline gab es heute auch noch etwas anderes zu sehen, dass uns Bildungsbürger aus dem Norden sehr beeindruckt hat, das war der antike Steinbruch für die Tempel von Selinunt, die Cave di Cusa. Im Gelände liegen immer noch Teile halbfertiger Säulen herum, einige davon noch vom Stein umgeben, aus dem man sie herausgeschnitten hat.  Auf der Straße, die zum Campingplatz führt liegt links und rechts der Fahrbahn haufenweise Müll, über dem Land liegt ein Geruch von Verwesung. Na, wir sind nicht die Ersten, denen dieses Phänomen in Nase und Augen sticht, schon der alte Goethe, wusste in seiner „Italienischen Reise“ aus Palermo zu berichten …“Auf meine wiederholte Frage, ob dagegen[1] keine Anstalt zu treffen sei erwiderte er[2], die Rede gehe im Volke, dass gerade die, welche für die Reinlichkeit zu sorgen hätten, wegen ihres großen Einflusses nicht genötigt werden könnten, die Gelder pflichtgemäß zu verwenden, und dabei sei noch der wunderliche Umstand, dass man fürchte, nach weggeschafftem misthaften Geströhde werde erst deutlich zum Vorschein kommen, wie schlecht das Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch denn abermals die Unredliche Verwaltung einer andren Kasse zutage kommen würde. ….. „

[1] Die Rede ist vom Müll auf den Straßen.
[2] Mit „er“ ist ein Handelsmanne gemeint, bei dem Goethe einige Einkäufe tätigt.

Tag 9, Montag, 23. September 2019 – Triscina, Campingplatz Helios – Selinunte

Heute morgen hat sich der Sturm gelegt. Noch vor dem Frühstück gehen wir ans Meer, waren wir ihm ja auf dieser Reise noch nie so nahe wie hier. Die Stimmung ist unreal, ein gespenstisch dunkler Himmel und irgendwo im Osten versucht die Sonne sich durch die tiefen Wolken zu schieben. Eine bleierne Atmosphäre.

Zum Frühstück gibt’s heute frisches Weißbrot und wie üblich Tomaten mit Schafskäse. Selinunte steht heute auf dem Besichtigungsprogramm. Wir wollen mit dem Fahrrad hin, der Weg zieht sich, obwohl angeblich Luftlinie nur 3 km entfernt, müssen wir uns im weiten Bogen und insgesamt 19 km anpirschen. Der Eintritt ist mit 6 Euro je Erwachsenen recht bescheiden, verglichen mit anderen Objekten. Auf dem weitläufigen Areal beeindruckt zunächst der Tempel E mit gewaltigen dorischen Säulen und anschließend dem imposanten Schuttberg des Tempel G, der von seinen Abmessungen wohl der größte gewesen ist.

Wir erwandern in der mittäglichen Hitze zu Fuß die entfernt direkt am Meer gelegene Akropolis. Nach der Besichtigung radeln wir ins Dorf Marinella und trinken in einer Bar direkt am Meer eine Cola. Vorher laufen wir zum nur wenige Schritte entfernten Fischerhafen, mehr Dreck hat man wohl selten an einem Ort zu sehen bekommen. Ein übler fauliger Geruch hängt in der Luft. Fisch möchte man hier keinen essen und so entscheiden wir uns ganz profan für original amerikanische CocaCola. Ein Patrone mit aufgestelltem Kragen und Goldkettchen am äußersten dem Meer zugewandten Tisch trinkt eine Flasche gut gekühlten Rosé. Sein Hund, mannshoch an der Brüstung aufgestellt, bellt sobald sich ein Kellner in der Nähe zeigt. Der Patrone droht ihm mit einem bereitliegenden Knüppel, was den Hund aber wenig beeindruckt. Einige Gäste sind angewidert und verlassen irgendwann demonstrativ die Bar mit einem „Cane no problem patrone problem“ oder so ähnlich an uns gerichtet. Wir stimmen mit einem „Si, si“ eifrig zu, haben wir doch tatsächlich verstanden, was man uns damit sagen wollte.  

Gestärkt treten wir den Rückweg an, unserem Navi erteilen wir die Anweisung den kürzesten Fußweg zu nehmen. Welch ein Irrtum. Nach etwa 5 km kreuz und quer auf üblen Feldwegen, durch ein abgelegenes Dörfchen mit freundlich grüßenden Menschen, in dem der einzige Arbeitende wohl ein Schwarzhäutiger junger Mann ist, bricht der Weg plötzlich ab und zwingt uns zur Umkehr. Ein Schäfer, der in der Nähe seine Herde betreut, versucht uns fuchtelnd einen Ausweg zu beschreiben. Einziges Wort, das ich verstanden habe, war „sinistre, sinistre“. So fahren wir wieder ein Stück zurück und kommen nach weiteren 3-4 km wieder auf die Hauptstraße und nehmen den Rückweg, wie wir gekommen sind. Zurück am Campingplatz, nach sage und schreibe 43 zurückgelegten Kilometern, trinken wir unser verdientes „Anlegerbier“ heute direkt am Strand. Wieder ist die Atmosphäre gespenstisch dunkel und es beginnt sogar leicht zu regnen. Kein Mensch ist am Strand und das sind die besten Voraussetzungen, die Drohne steigen zu lassen. Gesagt, getan. Es entstehen wunderbare Aufnahmen über Strand und Land und Meer und Mensch. Die dunkle Wolkenfront schiebt sich Richtung Osten, der Himmel reißt auf und es zeigt sich ein strahlend blauer Himmel. Den Rest des Tages verbringen wir mit Lesung aus Klaus Modicks „Klack“ und Dösen am Strand.

Tag 10, Dienstag, 24. September 2019 – Triscina, Campingplatz Helios

Heute ist Ruhe-, Strand-, Lese- und Arbeitstag. Wir haben beschlossen, noch einen weiteren Tag zu bleiben und lassen uns durch den Tag treiben. Der Himmel zeigt sich strahlend blau, es weht ein ordentlicher Wind, allerdings aus einer anderen Richtung und so ist das Meer heute türkisblau bis grün. Nach dem Frühstück geht’s mit dem Fahrrad zum Supermarkt, Verpflegungs-Nachschub kaufen und anschließend an den Strand. Unser neuer Strandschirm, heute erstmals eingesetzt, wird von einer Windböe Richtung Meer geweht. Also, doch kein Sonnenschirm heute. Außer einer ausgedehnten Wanderung am Strand Richtung Selinunte keine größeren Aktivitäten heute. Unsere tägliche Lesestunde aus Modicks „Klack“ wird vom Hereinbrechen einer WOMO-Flotte – gegenüber Schlachtschiff Kronos aus Lörrach und Begleitboot Hymer aus der Schweiz sowie Jolle Bulli nebenan aus Schwäbisch-Hall – jäh unterbrochen. Vorbei ist es mit der Ruhe. Grüßen tut von den Rudelmenschen auch keiner, das bestätigt unsere bisherige Erfahrung.

Tag 11, Mittwoch, 25. September 2019 – Triscina, Campingplatz Helios – Eraclea Minoa

Der Campingplatz Eraclea Minoa Village im Pinienwald liegt am Fuße des Capo Bianco auf dessen Hochplateau das antike Eraclea Minoas liegt. Mit dem Platz landen wir gewissermaßen wieder auf Kreta, denn der Sage nach soll König Minos bei der Verfolgung Daidalos hier gelandet sein. Sein Gastgeber, der hiesige König Kokalos aud Kamikos und seine schönen Töchter ließen ihm ein wenig zu viel von den Heildämpfen einatmen, so das Minos hier sein Ende fand. Der Platz  gehört zweifellos zu den schönsten, die wir bisher in Sizilien aufgesucht haben, die Dame an der Rezeption spricht Englisch, Wasser, Wein und Bier sind vorrätig und für einen Ausflug in die Antike ist der Platz am weißen Felsen ebenso geeignet. Zu unserer freudigen Überraschung finden unter den Bäumen fast nur VW-Bullis ein Stelldichein. Nach hereinbrechender Nacht, Sonnenuntergang ist hier bereits kurz nach 19.00 Uhr, herrscht im Pinienwald absolute Dunkelheit, nur ab und an gespenstern Lichter zwischen den Bäumen, nur getoppt von der Beleuchtungsanlage des Mercedes-Campers aus Tübingen uns gegenüber.

Capo Bianco

Tag 12, Donnerstag, 26. September 2019 – Eraclea Minoa – Capo Bianco

Gut, dass wir unsere E-Bikes, besser gesagt Pedelecs, dabei haben und so fahren wir leichterdings hinauf zur Ausgrabung von Heraclea Minoa. Dort stellen wir die Räder ab, lassen die Ausgrabung rechts liegen und wandern zur Spitze des weißen Kaps, lassen die Drohne steigen und klettern über die weißen „Paketfelsen“ hinunter zum Strand und wandern von dort bis zur Mündung des Platani im Naturschutzgebiet und zurück zum Parkplatz. Wer in Abgeschiedenheit baden möchte, besuche den nahezu touristenfreien breiten Strandt unterhalb des Ausgrabungsgeländes. Den Rest des Tages verbringen wir mit Schlafen, Arbeit, Schwimmen, Duschen und Kartenspielen.

Tag 13, Freitag, 27. September 2019 – Eraclea Minoa

Heute wird’s ernst mit der Kultur, hinauf zur Ausgrabungsstätte um König Kokalos ein Besucheropfer darzubringen. Unsere Gaben von 4 Euro sind bescheiden, noch bescheidener ist, was wir zu sehen bekommen. Das überdachte Theater zeigt abgesetzte und abgewetterte Sitzreihen, da gab‘s für die Zuschauer kein Halten mehr. Die englischen Erklärungstexte sind ebenso abgewettert, die lethargisch unter einem Baum sitzenden Aufsichten zeigen auch keine Anstalt uns aufzuklären. Vor dem Museum arbeiten zwei Handwerker an der metallenen Behindertenrampe, die Museumsaufseherinnen führen lautstark ihr tägliches Schwätzchen, die museumszugehörige Toilette ist total versaut.

Anschließend Wanderung vom Campingplatz der Küste entlang bis zum Reserva Naturale Torre Salsa mit Badepause und barfüßigem Rückmarsch.


Lektüre, Arbeit, Knacken in der oberen Etage des Bulli, Spaghetti aglio e olio und Rotwein beschließen den Tag. Überraschenderweise geht auch heute wieder die Sonne unverschämt kitschig und purpurrot im Westen unter. Heute haben wir freie Sicht, der Tübinger Mercedes ist weg. In drei Tagen schließt der Campingplatz für diese Saison seine Pforten, es riecht nach Herbst und das Personal gähnt unablässig und sehnt sich nach der winterlichen Ruhe. Winfried ist froh, dass er der Kühle der Nacht seinen neuen Daunenschlafsack entgegenzuhalten weiß. (Anmerkung Lu: Kühle der Nacht heißt hier 21 Grad!)

Sonnenuntergang Eraclea Minoa

Tag 14, Samstag, 28. September 2019 – Eraclea Minoa  – Scala dei Turchi – Noto

Richtung Osten führt uns unsere weitere Route. In einem Riesensprung wollen wir heute nach Noto, einer barocken Welterbestadt an der Ostküste, südlich von Syrakus. Nach einem Erdbeben im Jahre 1693 wurde die Vorgängerstadt nahezu vollständig zerstört. Man beschloss, in einigen Kilometer Entfernung eine komplett neue Stadt, ganz im Stil des herrschenden Barocks zu errichten. Zunächst aber lassen wir Agrigent, das wir bei unserer früheren Sizilienreise bereits ausgiebig besucht haben, rechts liegen und machen einen Halt an der „Türkischen Treppe“, Scala dei Turchi, weiße Kalksteinfelsen in Treppenform am Meer.  Schöner, aber stark besuchter Strand.

Auf der "Scala dei Turchi"
Auf der „Scala dei Turchi“
Scala dei Turchi

Weiter führt die Fahrt durch intensiv landwirtschaftlich genutztes Gebiet, abwechslungsreiche Landschaftsformationen, tiefe Schluchten, hohe Brücken, Obst- und Gemüseanbau unter Plastikplanen, die durchfahrenen Provinzstädte machen einen öden, leicht verwahrlosten Eindruck. Wir steuern einen recht schönen, ruhigen und gepflegten Stellplatz „Camping Area Noto“ am Rande der Stadt an. Das Auto steht im Schatten von Zitronenbäumen. Aber Vorsicht vor dem Hund, der trägt gerne die vor dem Auto abgestellten Schuhe weg und gibt diese erst im Tausch gegen ein Stück Wurst wieder frei. Mit dem Fahrrad fahren wir zum Dom im Herzen der barocken Stadt. Fast alle drei Meter eine Kirche, in denen jetzt am Spätnachmittag des Samstags wie verrückt geheiratet wird.

Der Kirche S. Chiara kann man aufs Dach steigen, um die Stadt von oben zu beschauen. Schön wäre es gewesen, am Abend an einem der Plätze in der Stadt zu sitzen und ein Glas Wein zu trinken, aber eine Rückkehr mit dem Fahrrad bei Dunkelheit ist uns doch das Abenteuer zu groß und so nehmen wir in unserem Bulli ein leichtes Caprese-Abendessen zu uns.

Noto
Noto

Tag 15, Sonntag, 29. September 2019 – Noto – Noto Antica – Cefalu

Die Nacht verbrachte Lu ziemlich schlaflos und auch Winfried lag lange Zeit wach. Irgendwo bellten immer Hunde, mal einer im Solo, mal im Konzert aus allen Richtungen. Ach, die Hunde ….

Wir wollen nach Cefalu.  Ja, wir wissen, das ist etwas paradox, liegt Cefalu doch so gar nicht in der Nähe von Noto. So sind wir einfach, mitunter oder auch häufiger gar nicht der Logik folgend.

Nach dem spartanischen Sonntagsfrühstück mit einem Croissant vom Vortag und den üblichen Morgenverrichtungen packen wir zusammen, bezahlen der Campingplatz-Lady 17,00 Euro für die Übernachtung und fahren los.

Zunächst jedoch wollen wir Noto Antica, die vom Erdbeben 1693 zerstörte Stadt oder besser gesagt das, was davon übrig blieb, besichtigen. Das Navi führt uns eine abenteuerliche Route durchs bergige Gelände. Vor dem ersten Wassergraben kapitulieren wir nicht, streng gemäß dem Motto „vorwärts immer, rückwärts nimmer“, aber es kam noch schlimmer. Griechische Bergstraßen sind ein Dreck dagegen. Tiefe Löcher, spitze Steine, Astwerk und Gestrüpp kratzt unentwegt an unserem Bulli, und erst nach 13 km hat das Grauen ein Ende. Wir stehen vor den Trümmern der alten Stadt. Hier darf die Drohne steigen und wir arbeiten uns vorwärts bis wir schließlich beim offiziellen Eingang ankommen, wo wir zu unserer Überraschung einen schön geteerten Parkplatz und eine ebensolche Zufahrtsstraße vorfinden. Die Reste des alten Noto Antica sind zum großen Teil überwachsen und im Dickicht verschwunden. Doch ragen einzelne Mauerreste von Kirchen und Palästen aus dem grünen Dickicht. Im Eingangsbereich sind noch starke Teile von Befestigungsanlagen zu erkennen, die die einstmalige Größe der Stadt erahnen lassen.

Kirchenreste in Noto Antica
Noto Antica
Reste der Befestigungsanlage in Noto Antica
Noto Antica

Weiter geht’s, überwiegend über Autobahnen, vorbei an Syrakus und Catania Richtung Palermo und schließlich Richtung Messina nach Cefalu. Die Autobahn zwischen Catania und Cefalu führt weitgehend durch eine gnadenlos leere Landschaft, so wie wir uns Sizilien vielleicht gerne vorstellen. Von Ferne grüßt noch der Ätna mit einer freien Kappe, die von weißen Wolken umkränzt ist. Am Meer im „Camping Costa Ponente“, vier Kilometer vor Cefalu, schlagen wir unsere Zelte auf. Man spricht Deutsch, die Campingplatzbetreiberin ist eine deutsch-sizilianische Mischung, wie sie uns erklärt. Nach Brotzeit und Nachmittagsschlaf machen wir uns gegen 17.00 Uhr mit dem Rad auf nach Cefalu. Den weniger befahrenen Weg, den die Campingplatzdame beschreibt, der irgendwie am Meer über Treppen, durch Ferienanlagen führt, finden wir nicht und so bleibt uns nur die stark befahrene Hauptstraße. Am Stadtstrand von Cefalu tummeln sich unzählige Besucher, dicht an dicht, auch die schönen Gassen der Stadt sind voller Menschen. Das haben wir anders in Erinnerung. Damals, vor einigen Jahren, waren wir nahezu alleine am Strand. War das in den Osterferien? Bei eintretender Nacht treten wir die Rückfahrt an, ein abenteuerliches Unternehmen, den rechten Pfad zwischen den Ferienanlagen zurück zum Campingplatz zu finden. Nach einem Nudelmahl fallen wir beide völlig entkräftet, mit Kopfschmerzen und leichter Übelkeit ins Bett. Sonnenstich?

Gasse in Cefalu

Tag 16, Montag, 30. September 2019 – Cefalu

Unser erster Tag auf dem Campingplatz bei Cefalu gleicht einem Sanatoriumsaufenthalt, wobei wir allerdings nicht Pool und Bar in Anspruch nehmen, sondern abwechselnd Bett und Toilette. Beide sind wir vom sizilischen Virus befallen, Ursache unbekannt, Gegenmittel ebenfalls. Wir versuchen es mit trockenem Brot und Wasser. Gegen Abend tritt leichte Besserung ein. Das ist übrigens die erste aufgezwungene Pause auf unseren bisherigen Reisen. Bilder zum heutigen Tag wollen wir dem geneigten Betrachter ersparen.

Tag 17, Dienstag, 1. Oktober 2019 – Cefalu – Baghera – Milazzo (Riva Smeralda)

Uns ist zum Kotzen übel, wir packen sehr geschwächt unser Zeug auf demCampingplatz vor Cefalu zusammen und fahren, etwas Sinnvolles muss man ja tun, ein paar Kilometer zurück Richtung Palermo. Lu hat im Reiseführer die Villa Palagonia in Baghera zum Besichtigungsziel bestimmt. Goethe hat ja schon einiges über die dort auf der Schlossmauer zu sehenden Figuren in ihren unmöglichen Verrenkungen zum Besten gegeben: „Das Widerliche dieser von den gemeinsten Steinhauern gepfuschten Missbildungen wird noch dadurch vermehrt, dass sie aus dem losesten Muschelkalk gearbeitet sind… Dass wir über die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia vollständig überliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis. Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Türken, Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle, antik kostümierte Soldaten, Götter, Göttinnen, altfranzösisch gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen, Mythologie mit fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere: nur Teile derselben, Pferd mit Menschenhänden, Pferdekopf auf Menschenkörper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen der Köpfe. Vasen: alle Arten von Monstern und Schnörkeln, die unterwärts zu Vasenbäuchen und Untersätzen endigen.“ – Also, lieber Goethe, uns hat es gefallen und war gar nicht widerlich anzuschauen, dein Blick war doch ein wenig streng bürgerlich.

Villa Palagonia
Villa Palagonia

Über unser nächstes Ziel können wir uns nicht so schnell einig werden. Ich habe einen Platz am Ende einer Halbinsel ausgewählt. Lu hat vernichtende Kritiken über diesen Platz gelesen und so steuern wir denn einen Platz nahe der Ausgrabungsstätte von Tindary an. Der Platz hat schon geschlossen und die Strände am Meer zwischen Cefalu und Messina sind zu dieser Jahreszeit fast schon menschenleer. Der sizilianische Virus meldet sich zurück. Lu hat heftige Kopfschmerzen und ich habe Dünnsch… Beide fühlen wir uns heute äußerst schwach, selbst die altbewährten Mittel, Cola und Salzbrezeln, helfen nicht. Der Platz, besser der Abenteurerspielplatz auf der Halbinsel, macht einen verheerenden Eindruck, aber er ist geöffnet und wer heute kein Plätzchen mehr findet, findet keines mehr. Also klemmen wir uns an den Rand der Klippe, genügend Platz für Tisch und Stühle sind hier nicht, dafür aber haben wir einen herrlichen Ausblick auf das Meer und das gegenüberliegende Kalabrien. Morgen früh wird dort drüben die Sonne aufgehen und dann sind wir wieder gesund. Wenn nicht, wird Lu hier so lange auf der Matratze liegen bleiben und auf das Meer schauen und den Wellen lauschen, bis ihr wieder gut ist.

Tag 18, Mittwoch, 2. Oktober 2019 – Milazzo (Riva Smeralda) – Tropea

Wir verlassen Sizilien mit der Fähre in Messina. Unser Tagesziel ist Tropea am tyrhenischen Meer, ein sehr schön gelegenes Felsenstädtchen über dem Meer. Der Stellplatz, keine 100 Meter vom Strand entfernt, wirkt solide geführt und sauber. Unsere erste Erkundung bestätigt den ersten Eindruck: enge Gässchen, altes Gemäuer, belebte Plätze, Geschäfte, die den Reichtum der Gegend feilbieten. Am Abend gehört die Stadt ganz den Touristen, wir wünschen uns einen Zeitsprung zurück in die Fünfziger Jahre, aber es müssen nicht gleich Mandolinen bei Mondschein sein, nur etwas weniger von allem. Am späten Nachmittag versuchen wir unseren Ernährungsplan wieder umzustellen – weg von trocken Brot und Wasser, hin zu Wein und Pizza. Der Versuch glückt nicht ganz, wir können jeweils nur die Hälfte vom Bestellten essen, Lu fühlt sich miserabel und mir bringt das Essen auch nicht die erhoffte Stärkung – der sizilische Virus hat uns noch immer im Griff.

Tag 19, Donnerstag, 3. Oktober 2019 – Tropea – Pompei

Unser angeschlagener Zustand lässt nur eine Reiserichtung zu: nach Hause, Richtung Norden. Wir überlegen noch, ob wir nach Neapel über Apulien mit Zwischenstopp Castel del Monte fahren oder direkt weiter an der Küste entlang. Wir entscheiden uns für Pompei, ein ohnehin festes Ziel auf unserem Reiseplan. Laut Navi müssen wir für die Strecke etwa vier bis fünf Stunden Fahrzeit einplanen, das ist ein großer Brocken. In Pizzo wird aufgetankt und im Supermarkt das Nötigste besorgt. Vorsicht beim Tanken: man verkauft einem gerne das teure Diesel plus, das normale kostet einige Cent weniger. Auf der Fahrt bewundern wir nicht zum ersten Mal die hohe Kunst der italienischen Autobahn und Tunnelbauer. Man ist hin- und hergerissen zwischen Staunen und Erschrecken. Das Band der Autobahn schneidet sich durch eine wunderbare Landschaft, schwingt sich kühn über Abgründe, lässt einen in wenigen Stunden sein Ziel erreichen, wofür man früher Tage und Wochen brauchte – trotzdem bleibt ein schales Gefühl zurück, wenn man sieht, wie menschengeschaffene Werke  der Natur zu Leibe rücken.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Pompei und es gleicht fast einem Wunder, wir finden ohne große Kurverei gleich neben der Autobahn zu Füßen der Ausgrabungsstätte einen Stellplatz, der alle unsere Bedürfnisse befriedigt, noch dazu trägt der Platz den hehren Namen: „Spartacus Camping“. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, erst am nächsten Tag die Ruinen von Pompei zu besichtigen, aber die unmittelbare Nähe der Ausgrabung lässt uns nicht länger warten. Keine Warteschlange vor dem Ticketschalter und schon sind wir mitten drin in der römischen Antike. Für einen Reisenden durch das alte Europa gehört Pompei unbedingt auf die Liste der Orte, die man gesehen haben muss, auf jeden Fall noch weit vor Neuschwanstein. Es ist müßig, hier Einzelheiten zu beschreiben, man muss es sich selber anschauen und staunen, was die alten Römer schon zuwege brachten. Kulinarischer Höhepunkt unserer Bordküche sind auch heute Haferflocken in zerdrückter Banane.

Tag 20, Freitag, 4. Oktober 2019, Pompei – Mantua

Mit Blick auf die Karte ergibt es sich fast wie von selbst, dass wir auf dem Weg Richtung Heimat wieder in Mantua den kommunalen Stellplatz ansteuern. Vorbei an Rom und Florenz sind es gewaltige sechseinhalb Stunden, bevor wir unser Tagesziel erreichen. Eigentlich ein Unding, so weite Strecken zurückzulegen und nur zu rechtfertigen, wenn man etwas kränklich ist und ein klares Ziel vor Augen hat. Für solche Strecken ist unser Bulli aber bestens geeignet, er fährt sich wie ein Pkw und lässt jeden klobigen Camper schnell hinter sich. In Mantua spüren wir zum ersten Mal wieder den Herbst, kletterte das Thermometer in Süditalien noch auf fast 30 Grad, sind es hier tagsüber kaum über 20 Grad und nachts bewährt sich ein guter Daunenschlafsack. Wir fahren mit dem Rad in die alte Stadt, alles ist vertraut, wir finden sogar auf Anhieb einen Supermarkt für unseren täglichen Bedarf.

Tag 21, Samstag, 5. Oktober 2019, Mantua – Regensburg

Für die letzte Strecke unserer Herbstreise brauchen wir mehr als 7 Stunden. Die Autobahn über den Brenner ist rappelvoll und auf unserem Navi wird ein Stau nach dem anderen gemeldet. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen zur gleichen Zeit unterwegs sind, erstaunlich auch, wie viele Camper sich noch auf den Straßen herumtreiben. Die Reisezeit hat sich mit dem Gebrauch des Wohnmobils offensichtlich nach Anfang und Ende Jahres hin ausgeweitet und selbst hätten wir vor Zeiten wohl auch nicht daran gedacht, bereits Anfang April unseren Bulli für Griechenland zu bepacken. Am frühen Abend erreichen wir unser vertrautes Regensburg, alles ist noch so, wie wir es verlassen haben. Die Nachbarn haben auf unser Haus aufgepasst und freuen sich über unsere Rückkehr.

1 Kommentar zu „Sizilien 2019“

  1. Sehr anschaulich und neugierig machend.
    Könnte auch gut als VW Bulliwerbung dienen.
    Prima Lu und Winnie, ihr Vollblutkulturfreaks.
    Hören wir voneinander?
    LG Klaus M.

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