Lu am Stellplatz in Graz

Griechenland Nord Herbst 2022

Tag 1 – Dienstag, 30. August 2022

Um sieben Uhr geht der Wecker. Die Nacht war anstrengend. Ich fand so gut wie keinen Schlaf. Viertel nach sieben stehe ich auf, schließlich soll ich um 9.00 Uhr in der Stadt sein und meine neue Brille abholen. Eine Tasse Kaffee, die Haare föhnen, noch einen Wäschekorb mit Utensilien für das Auto packen und dann mit dem Fahrrad in die Innenstadt. Pünktlich bei Öffnung der Brillenfiliale erfahre ich, dass lediglich die Gläser meiner Arbeitsplatzbrille fertig sind, nicht aber meine neue Standardbrille. Blöd, die brauche ich im Moment am allerwenigsten. Also, noch zum Bäcker und schnell zurück. WInfried hat schon die Räder montiert und sonst einiges erledigt. Heizung aus, Kühlschrank und Gefrierschrank aus, Rollläden herunter, Müll raus usw.
Tatsächlich starten wir Punkt 10.00 Uhr. Heute soll es 410 km bis Graz gehen. Aber zunächst stellen wir fest, dass wir ja noch tanken müssen. Ja, ja, wir werden immer nachlässiger.

Das Los entscheidet, dass ich heute mit Fahren dran bin und so schwing ich mich hinter das Lenkrad und ab geht die Post. Nur ein kleiner Stau, direkt auf der Passauer Autobahn bei Regensburg hindert uns am zügigen Vorwärtskommen. Ansonsten läuft es gut dahin, besonders entspannt ist es in Österreich nach der Abzweigung Wien. Doch zuvor, kurz vor der österreichischen Grenze erwerben wir noch das Pickerl für Österreich und auch das für Slowenien. Erst später stellen wir fest, dass uns der übereifrige Herr an der Raststätte bei Passau ganz schlecht beraten hat. Ich unterstelle ihm Absicht. Er hat uns die B2-Vignette für 30 Euro verkauft, da die Höhe unseres Grand California vorne senkrecht über der Achse höher als 1,30 m ist. Das ist natürlich richtig, was er uns aber verschwiegen hat ist, dass das nicht für Wohnmobile gilt. Die zahlen nur 15,00 Euro. Und ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass der Herr, das nicht wusste. Na was soll’s, das wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir übers Ohr. Gehauen werden.

Wir haben herrliches Spätsommerwetter um die 25 Grad, ein paar Wolken hin und wieder, aber ansonsten bestes Reisewetter.

Punkt 15.00 Uhr legen wir am Stellplatz Graz unser Fahrzeug ab. Räder runter, Stromkabel rein, Tisch, Stühle, Brezen und Brotzeit raus und Anlegerbier rein. Wow, schmeckt das gut.

Der Stellplatz, den wir von einer unserer „Corona-Reisen“ bereits kennen, ist gut besucht, liegt direkt gegenüber des Freibades am Stadtrand von Graz. In die Stadt wollen wir heute nicht mehr, im nahegelegenen Billa kaufen wir Zwiebeln, Kartoffeln und Knoblauch, die haben wir nämlich zu Hause vergessen.

Tag 2 – Mittwoch, 31. August 2022 

Wir brechen zügig auf in Graz. Wenn alles nach Plan läuft, wollen wir heute Abend in Serbien auf dem Campingplatz Ruza Vetrova bei Jagodina sein. Es liegen 711 km vor uns. Zunächst noch in Österreich bis zur Grenze nach Slowenien, wo wir heute ohne irgendein Gedöns durchkommen. Auch in Kroatien geht es zügig voran, die Autobahn ist relativ leer, kein Vergleich mit dem Chaos auf unseren Straßen.  An der ersten Zahlstelle sind 10 Euro fällig. Unsere Mittagspause verbringen wir auf einem der zahlreichen Rastplätze an der Autobahn, die Toiletten sind sehr modern und sauber. Auf den letzten 150 km vor der Serbischen Grenze rumpelt es mitunter ordentlich auf der LKW-Spur. Kurz vor 14 Uhr erreichen wir die Grenze, es sind nochmal 26 Euro fällig bei den Kroaten. Unsere Pässe werden von einer männlichen serbischen Bulldogge hinter Glasscheibe beäugt, „wohin fahren“ fragt er uns und dann lässt er und passieren. Ein Stück weiter winkt uns der nächste Serbe hinter seinem Schutzglas mit einer verächtlichen Handbewegung durch. Das Grenzprozedere ist erstaunlich schnell erledigt. Es will ja auch kaum einer rein nach Serbien, außer eine riesige Schlange von LKWs, an der wir jetzt kilometerweit vorbei gefahren sind. Die LKWs tangieren uns aber nicht. Auf der anderen Grenzseite zur Einreise in die EU sieht es ganz anders aus. Da möchten wir jetzt nicht stehen und warten. Es hat immerhin 29 Grad und es ist früher Nachmittag. Die serbische Autobahn ist recht leer und in super Zustand. Wie bereits in Kroatien dominieren Sonnenblumen- und Maisfelder das flache Land. Das muss ein herrliches Bild sein, wenn im frühen Sommer die Sonnenblumen blühen. Jetzt aber stehen sie gebräunt in Reih und Glied und recken ihre vertrockneten Köpfe Richtung Osten zur aufgehenden Sonne und sehen ihrer Ernte entgegen. Nun aber fordert der Verkehr in Belgrad unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Autobahn führt quer durch die Stadt und ohne Navi fühlen wir uns schon leicht amputiert. Heute fährt Winfried, streng nach dem täglichen Fahrer-Wechsel. Zunächst sind wir unsicher, ob wir auf dem richtigen Weg sind, dann aber sehen wir an der Wegweisung, dass wir so verkehrt nicht sein können.

Belgrad

So kommen wir dann gegen 17.00 Uhr auf dem Minicampingplatz in einer Art Gartenlaube hoch über der Ortschaft Jagodina in den Weinbergen an und ergattern den letzten der sechs Stellplätze. Die Betreiberin, eine rührige Dame in den 50zigern, hat alles schön arrangiert. Dusche, Toiletten, Spülmöglichkeit sind in einem Gartenhäuschen untergebracht und es gibt WiFi. Aus der Bordküche werden Rührei mit Zucchini-Gemüse, Salat und Toast kredenzt. Der neue Grill leistet hervorragende Dienste.

Auf dem Campingplatz in Serbien

Tag 3 – Donnerstag, 1. September 2022

In der Nacht hielten uns die Mücken auf Trab und irgendwo in den Weinbergen hinter uns drangen bis in die frühen Morgenstunden meldodramatische Töne.
Die Morgenroutine ist schnell erledigt, zum Frühstück noch Brot aus der Heimat mit schnellem Kaffee und dann Katzenwäsche, alles eingepackt und und 9 Uhr starten wir Richtung Griechenland. Heute bin Wienerisch mit Fahren dran, gut, dass ich mit trotz der fast schlaflosen Nacht einigermaßen fit fühle. Schnell noch, das Stellplatz-WiFi nutzen um die Route bis Thessaloniki ins Navi einzustellen. Solange wir in Serbien und anschließend in Nordmakedonien sind, werden wir wohl kein Internet mehr haben. Aber das schlaue Navi von Google merkt sich die Strecke auch offline. Wo genau wir dann heute hinwollen, werden wir nach der griechischen Grenze entscheiden. Die Autobahn ist hier in recht gutem Zustand, fast alles neu, am Straßenrand immer wieder Schilder mit den EU-Sternen drauf, wahrscheinlich zahlt die EU die Autobahn. Ja, solange das Geld fließt …
Auch hier dominieren Mais, Sonnenblumen, manchmal auch Wiesen mit weidenden Kühen und Weinanbau.
Einmal tanken in Euro, 57 Liter für 120 Euro, es geht immer auf einen geraden Betrag aus, ich will gar nicht nachrechnen, um wieviel sie uns gegenüber dem offiziellen Kurs beschissen haben. Aber, wer nicht im Besitz einer funktionierenden Kreditkarte ist, muss halt blechen. 
Nach etwas 250 km erreichen wir die Grenze zu Nordmakedonien. Da lässt man uns ganz schön warten, vor uns höchstens 20 Autos, aber es dauert. Da fällt mir spontan das „Kleine-Land-Syndrom“ ein, analog zum Kleinen-Mann-Syndrom. 
Der junge Mann im ersten Häuschen ist allerdings sehr freundlich und es geht recht zügig zum nächsten Häuschen aus dem eine langhaarige 20-jährige nach dem Überreichen der Pässe ein „Greencard“ herausbellt. Sie würdigt uns keines Blickes und unterhält sich stattdessen mit ihren beiden rauchenden Kolleginnen, die hinter den Nebelschwaden kaum auszumachen sind. 
Nordmakedonien ist sehr, sehr hügelig, wie heißen die Gebirgszüge, die wir durchfahren? Muss noch recherchiert werden. Die Straßen, na ja …

An der griechischen Grenze dauert es auch, es gibt eine eigene Spur für einreisende EU-Bürger aber kein Schwein hält sich daran, alle stehen kreuz und quer, die Grenzer sind hauptsächlich damit beschäftigt, in demonstrativer Langsamkeit Kaffeetassen von einer Seite zur anderen zu transportieren. Nach griechischer Zeit haben wir ungefähr 16.00 Uhr und so beschließen wir, gleich auf den mittleren Finger der Chalkidiki zu fahren und wählen einen vom ADAC empfohlenen Campingplatz an der Ostseite. Das Navi schlägt zwei Routen vor, einmal mit und einmal ohne Maut ohne relevanten Zeitunterschied. Da wählen wir natürlich ohne Maut, zumal wir für unser Fahrzeug wegen der Höhe über 2,70 auf griechischen Autobahnen mehr als das doppelte bezahlen. Das kleine Teilstück, das wir zwangsweise hinter der Grenze auf der Autobahn verbringen, kostet uns 4,50 Euro gegenüber niedrigeren Fahrzeugen mit 1,90 Euro.

Allerdings führt uns die Strecke durch Thessaloniki und da ist ganz schön was los. Zum Glück verläuft die Route größtenteils auf der Ringstraße.

Der Campingplatz Lacara wirkt ziemlich verhaut und verdreckt, es dominieren Dauercamper, nein danke, darauf haben wir heute gar keinen Bock. Und so fahren wir weiter Richtung Süden an der bergigen Küstenstraße, fragen an einem Luxus-Campingplatz, der ist voll und am dritten werden wir dann fündig. Es ist nicht das, was wir am liebsten haben, klein ohne jeglichen Schnickschnack, schöne Lage, aber für die ersten Nächte soll es uns taugen. Mittlerweile ist es fast sieben Uhr, wir sind hungrig und durstig und erledigt. Ein junger Mann weist uns einen schönen Platz direkt am Strand zu, vorher aber muss der Platz noch geräumt werden. Wessen Zeug da rum steht, erschließt sich uns nicht. Der junge Mann verhandelt mit dem Bulgaren nebenan und dann schaffen die beiden das Zeug an den Rand. Im campingplatzeigenen Restaurant essen wir Souvlaki – was sonst – und trinken dazu heimischen Rotwein und Wasser. Wir sitzen dann noch etwas vor unserem Auto und schauen den Wellen zu, schon bald aber ziehen wir uns ins Auto zurück und legen uns schlafen.

Die Nachtruhe wird gegen elf jäh unterbrochen, als es vehement an unsere Tür klopft. Ein schmächtiger Mann um die 40 fordert uns auf, den Platz sofort zu verlassen, da das hier der ihre wäre. Wir sind irritiert und erwidern, dass man uns diesen Platz zugewiesen habe. Seine dürre Frau, beides Italiener, wie wir am Kennzeichen ihres Bullis erkennen, kommt gerannt und fängt an zu schreien wie eine Furie, rast den Platz auf und ab, fuchtelt und droht. Ihr winziger Körper fegt unentwegt übers Gelände, sie kommt näher, droht, ist rot angelaufen, es fehlt nur noch, dass sie Feuer speit. Irgendwann schreit sie auf ihren Mann ein und dann verschwinden beide Richtung Ausgang. Wir warten eine Weile, nichts passiert, so legen wir uns wieder ins Bett. Aber die Ruhe währt nicht lange, es klopft wieder an unserer Tür. Eine Campingplatzangestellte fleht uns an, den Platz zu verlassen, da ihnen ein Fehler unterlaufen sei, besser gesagt, dem jungen Einweiser, und die rasende Italienerin zu keinerlei Zugeständnissen bereit sei und nun droht, die Polizei zu holen. Die Italienerin rast weiter, ruft nach der Polizei, immer irrer fegt sie hin und her, holt ihre Quittung über die Bezahlung des Platzes, kommt mir so nahe, dass ich ihr verbiete, noch einen Schritt näher zu kommen. Zu ihrem Mann sage ich, dass Fehler halt mal passieren, die Stellplatzleute, mittlerweile auch der junge Einweiser und einer vom Sekuriti haben sich schon tausendfach entschuldigt.

Schließlich kapitulieren wir, da uns die Campingplatzangestellte schon fast auf Knien anfleht, wegzufahren, damit der junge Mann seine Arbeit behalten kann usw. Wir packen unsere Sachen und ziehen ein Stück weiter. Mit der Nachtruhe ist es jetzt erstmal dahin und wir trinken an der Bar noch einen Ouzo, da uns der smarte Barkeeper nicht um alles in der Welt einen Tsipuro servieren will. Warum, das hat sich uns nicht erschlossen, auf der Karte wird dieser jedenfalls angeboten. Egal, wir unterhalten uns ganz nett mit ihm. Er ist Bulgare und erzählt vom Unterschied vor und nach Corona und davon, dass den Leuten jetzt in der Krise der Geldbeutel enger sitz, von den Campingplatzbesuchern, die nun hauptsächlich aus dem Balkan kommen: Griechen natürlich, Bulgaren, Serben, Rumänen, auch Türken, aber kaum noch Deutsche im Gegensatz zu vergangenen Jahren.

Tag 4 – Freitag, 2. September 2022

Irgendwann fanden wir ja beide doch noch Schlaf, die 1700 km der vergangenen Tage forderten ihren Tribut. Winfried kriecht früher aus den Federn und so hat er bereits Brot besort und ein Arrangement an der Rezeption getroffen: Wir ziehen jetzt für 2 Tage zurück an den Strandplatz, da die italienische Furie und ihr Gatte bereits das Feld geräumt haben. Nach dem Umzug frühstücken wir gemütlich mit Blick aufs Meer, wo sich in der Ferne schemenhaft die Umrisse des Berges Athos abzeichnen.

Blick rüber zum Berg Athos vom Campingplatz aus


Den weiteren Tag verbringen wir mit schwimmen, sonnen, Tagebuchschreiben, lesen bis gegen Mittag ein Gewitter aufkommt und uns ins Auto treibt. Das Gewitter ist schnell vorbei, die Strandbesucher kehren zurück und auch wir verbringen den Rest des Tages gemütlich am Meer.

Tag 5, Samstag, 3. September 2022

Alle Wolken haben sich verzogen, die Sonne strahlt schon am Morgen und das Meer ist kristallklar und karibisch blau. Ich gehe vor dem Frühstück gleich eine Runde schwimmen. Das Wasser ist herrlich und ich teste die Schwimmnudel, die wir gestern Abend im Campingplatzshop erstanden haben. Phänomenal, wie so ein Nichts meinen Körper über Wasser hält. 

Der Tag verläuft ruhig, bis jetzt hat heute noch keiner unseren Platz beansprucht. Nur der junge Bulgare, der Barkeeper, der allem Anschein nach, nebenan mit im Wohnwagen-Zelt-Veranda-Verbau wohnt und der unseren Trouble mitbekommen hat, meint mit einem breiten Grinsen, dass der Platz, auf dem ich mich am Strand niedergelassen habe, seiner sei.

Der Strand füllt sich rasch und es ist einiges los. Eigentlich gar nicht unsere Sache und von daher ist es gut, wenn wir morgen weiterziehen. Chalkidiki ist wohl eher nicht das, was wir in Griechenland suchen, aber auch gut, es mal gesehen zu haben. 

Am Abend, nach dem Ratatoille aus Lus Bordküche, trinken wir noch ein Alfa vom Fass in der Beachbar. Viel los heute, es gibt Livemusik. Vier Mann aus Bulgarien spielen Weisen rund um den Balkan, wie sie in ihrem merkwürdigen harten Englisch erzählen. Mit Akkordeon, Bassgitarre, Schlagzeug und Saxophon erklingen dann für unsere Ohren die immergleichen Rhythmen des Balkans.  

Tag 6, Sonntag, 4. September 2022

Der Morgen ist ruhig, den Heiligen Berg Athos verhüllen dunkle Wolken, die immer wieder durch die Strahlen der Sonne erhellt werden.

Der Heilige Berg Athos in Wolken gehüllt
Der Heilige Berg Athos in Wolken verhüllt – Blick von unserem Platz am Camping Armenistis

Nach dem gemütlichen Frühstück am Meer, packen wir unsere sieben Sachen und brechen auf Richtung Süden. Ein Wolkenbruch geht nieder., ist aber schnell wieder vorbei und es klart wieder auf. Wir klappern die Küste ab, Hügel bis 365 m Höhe, pinienbewachsen dominieren die Landschaft. Einige Abstecher an die Küste zu den Campingplätzen Melissi, Pitsoni und Katarina in der Bucht von Sykia, lassen uns schnell wieder verschwinden. Alle Plätze ziemlich voll mit Wohnwagenverbauten zugepfercht, die überwiegend mit Urlaubern aus den angrenzenden Balkanstaaten bevölkert sind. Ab und zu ein kleines freies Plätzchen, in das wir uns mit unserem GC zwängen könnten, aber danach ist uns nun überhaupt nicht. So umrunden wir die Südspitze des Sithonia-Fingers, begutachten auch noch den Campingplatz Iza, unweit der Ortschaft Toroni in der gleichnamigen Bucht. Oh nein, auch der behagt uns nicht, bei der Weiterfahrt sehen wir direkt am Sandstrand einige Wohnmobile stehen. Das sieht gut aus, das steuern wir an, Wenngleich das letzte Stück Schotterweg ist, so ist der Strand gut erreichbar und das entspricht nun schon eher unseren Vorstellungen. Berliner, die gerade aufbrechen, schwärmen geradezu von dieser Stelle, sie waren jetzt 5 Tage hier und alles wunderbar. Na denn, da lassen wir uns nieder, nehmen gleich ein kühles Bad im Meer, unterhalten uns mit dem Polen, der auch hier steht mit seinem verhauten Uraltwomo. Die polnische Autonummer aber trügt, er spricht deutsch mit uns und meint, er wäre sowohl Pole als auch Deutscher. Er ist mit Hund unterwegs, arbeitet von hier aus und wirkt, im Gegensatz zu seinem Auto, gar nicht verhaut. Links von uns hat Dimitri, ein dickbäuchiger Grieche seinen Zeltverbau stehen. 

Von hier aus wollen wir morgen Vormittag wandern gehen, heute aber ist Sonntag und schon wieder frei. Wir essen zu Abend in der nahegelegenen Taverne Dimitri, es ist nicht überwältigend, dafür gibts zum ersten Mal auf dieser Reise unser Lieblingsbier Mythos, schön kalt, wie es bei den Griechen üblich ist. Wunderbar. Zurück am Auto ist Premiere mit unserem Beach-Ball Spiel und wir merken, dass das gar nicht so einfach ist. Danach ziehe ich mich bald ins Auto zurück, der Mückenansturm in der Dämmerung ist zu enorm. Nach Einbruch der Dunkelheit sitzen wir noch am Strand und schauen aufs Meer. Wir liegen bereits im Bett als uns der durchdringende Warnton unserer mobilen Geräte nochmal aus den Federn reißt. Unwetterwarnung für die nächsten 24 Stunden. Wir verstauen alles, was noch draußen steht im Auto und versuchen wieder einzuschlafen. Gegen 2 Uhr beginnt es zu regnen und heftige Gewitter begleiten uns bis in die frühen Morgenstunden.

Tag 7, Montag, 5. September 2022

Am Morgen sind die Gewitter vorüber, der Himmel ist noch weitgehend bedeckt, es zeigt sich aber schon ersten Blau. Ab Mittag soll es voll sonnig sein. Unsere Elektronik nervt schon seit gestern. Nach dem Abkoppeln des Solarpaneels sollen wir plötzlich nicht mehr 100 sondern nur noch 70 % Ladevolumen in der Bordbatterie haben. Und rasch sinkt es auf 60 % ab. Einziges Gerät, das im Moment Strom verbraucht, ist der Kühlschrank, wir machen weder Licht, noch laden wir irgendwelche Geräte. Im Laufe der Nacht sinkt die Kapazität auf 40% ab. Ich bin genervt, da ich befürchte, dass wir dann sofort wieder hier weg müssen um auf einem Campingplatz Landstrom zuzuladen. Doch, ein Wunder ala VW, am Morgen haben wir plötzlich wieder 70%. Das verstehe mal einer. zumindest sind wir nun erstmals wieder beruhigt und brechen nach dem Frühstück per Rad auf zum Porto Koufo, um von dort zu einem Kap an der Südspitze Sithonias zu wandern. Unsere Anfahrt führt zunächst über einen pützenreichen Schotterweg und an der Furt durch einen kleinen Fluß, der gestern bei unserer Anfahrt kaum Wasser führte, ist nun deutlich angewachsen, so dass wir etwas ratlos anhalten. Während wir uns fragen ob Schuhe aus und Rad durchschieben oder doch umkehren, versucht ein Bulgare mit seinem Fahrzeug die Furt zu durchqueren und bleibt in der Mitte stecken und es geht weder vor noch zurück. Das Wasser steht bis knapp unter den Türen. 

Kurzentschlossen ziehe ich die Schuhe aus und eile ins Wasser, die Frau des Bulgaren, der Sohn, Winfried kommen dazu und ein griechischer Pickup-Fahrer, der gerade auf der gegenüberliegenden Seite ankommt gibt Kommandos und gemeinsam schaffen wir es, das Gefährt Zentimeter für Zentimeter, in dem wir vor den Rädern immer wieder die Sandansammlung entfernen, den Karren aus dem Dreck zu schieben.

Wir schieben anschließend unsere Räder durch die Furt und weiter geht es durch das Touristenörtchen Toroni zum Porto Koufo.

Am Ende der Dorfstraße machen wir unsere Räder fest und marschieren zunächst bis zum Ende des Sandstrandes und dann noch zweimal Schuhe aus, übers Wasser gehen und Schuhe wieder an.

Zwei weitere Wanderer scheinen das gleiche Ziel zu haben, auch zwei Deutsche, wie wir bald feststellen. Was sonst, so verrückt sind nur die Deutschen, dass die freiwillig sich solche Schikanen antun. Die Urlauber aus dem Balkan, die hier bestimmt 98 % der Urlauber ausmachen, fahren alles mit dem Auto. Und wo das Auto nicht hinkommt, ist nicht von Interesse. Es ist nun schon recht warm, alle Wolken haben sich verzogen und wir wandern an Olivenhainen vorbei und landen irgendwann total in der Maccia und Dornengestrüpp und von einem Weg ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Irgendwann befragen wir Google-Maps und müssen feststellen, dass wir wo vollkommen anders sind als gedacht. Im Rother Wanderführer steht, man findet sich leicht zurecht, man vielleicht, wir allerdings nicht. Wandermarkierungen gibt es allerdings hier nicht. Aber auch hier ist es schön und wir haben schöne Ausblicke,

Da wir bereits mehr als 2,5 Stunden unterwegs sind, treten wir den Rückweg an. In einer Taverne in Porto Koufo nehmen wir unser verspätetes Mittagessen oder vorgezogenes Abendessen ein, verfahren uns auch nochmal auf dem Rückweg, können die Furt fast mit dem Rad durchfahren, Winfried allerdings bleibt stecken und er muss mitsamt den Wanderschuhen auf Grund gehen, nehmen nach Ankunft sofort ein kühles Bad im Meer und ruhen dann am Strand ein Stündchen und dann gibt es Gillamoosbier.

Heute gibts Gillamoosbier

Tag 8, Dienstag, 6. September 2022

Es ist so schön hier am Strand bei Torino und so bleiben wir noch hier. Bei strahlendem Sonnenschein den ganzen gestrigen Tag konnten wir unsere Bordbatterien wieder voll beladen und Wasser reicht auch noch für ein oder zwei Tage. Nach dem Frühstück am Strand, einer kleinen Schwimm- und Sonnenrunde, wollen wir mit den Rädern die Küste Richtung Norden erkunden. Das junge Paar aus Holland, das gestern nach Einbruch der Dunkelheit neben uns Quartier bezogen hat, frage ich ob sie noch hier blieben und sie einen Blick auf unser Solarpaneel werfen könnten, das wir gerne draußen stehlen lassen würden. Sie versichern überschwänglich, dass das kein Problem sei. Wahrscheinlich hatten sie befürchtet, dass ich was zu meckern hätte, als ich sie ansprach.

Wir fahren also los Richtung Norden, möglichst in Ufernähe und passieren auf zum Teil recht holprigen Schotterpisten mit mächtigen Pfützen mehrere schöne Buchten, meist mit einem sehr sumpfigen Hinterland. Einige von Ihnen, soweit einigermaßen mit Fahrzeugen ohne Allrad erreichbar, sind mehr oder weniger mit Bade- und Wohnmobilgästen belegt. Mit einem Paar aus Pirna, das lesend vor seinem Wohnmobil sitzt, unterhalten wir uns übers Reisen im Wohnmobil. Sie bleiben immer nur einen Tag an einem Ort und ziehen dann weiter um möglichst viel zu sehen. Als noch Berufstätige haben sie ja nicht mehr als zwei bis drei Wochen am Stück Urlaub. Ja, da hat so ein Rentnerleben auch Vorteile. Überhaupt wirken die meisten Wohnmobilisten derart abgeklärt und cool. Als wir darauf zu sprechen kommen, dass manche der WoMo-Fahrer ja sehr weite Reisen in alle Kontinente unternehmen, merke ich an, dass das sehr mutig sei und ich mich das nicht alles trauen würde. „Braucht man da Mut?“ kam die Frage des abgeklärten Pirners. Und außerdem hatten sie schon drei Tage auf dem Areal einer ungarischen Autowerkstatt wegen defekter Kupplung zugebracht, alles kein Problem. Na, ich weiß nicht, so ohne weiteres glaube ich nicht, dass sie das dann alles so cool sehen, wie man hier tut. Aber das kennen wir ja schon.

Weiter gehts auf sumpfigen Pfaden, einmal müssen wir das Fahrrad auch von einer Bucht zur anderen über eine kleine Kuppe schieben und über einen Bach hieven. So ganz ohne nasse Füße geht das nicht ab. 

Auf einem steinigen Anstieg kommen uns jede Menge Mountainbiker entgegen. Ja, dieses Areal ist für unsere Räder weniger geeignet.

Wir genießen immer wieder die herrlichen Ausblicke über Buchten und Meer und fahren dann die Teerstraße zurück, allerdings zunächst nach Toroni um in einem Supermarkt für Nachschub zu sorgen.

Kurz nach unserer Rückkehr zu unserem Auto will ein polnisches Wohnmobil hinter uns, just dort einparken, wo das junge holländische Paar Quartier mit Auto und Zelt bezogen hat. Die junge Holländerin parkt das Auto weg und der dreiste Pole stellt sich direkt den jungen Leuten vors Zelt. Diese packen dann auch schleunigst ihre sieben Sachen und fahren ab. Also, ich weiß nicht, sind das nur Vorurteile, aber mit den Herrschaften aus den östlichen europäischen Ländern machen wir keine guten Erfahrungen. Und wir sind nicht die einzigen denen es so ergeht.

Den weiteren Tag verbringen wir schwimmend, dösend und etwas arbeitend am Strand und am Abend gibts Bratkartoffeln mit hausgemachtem Tsaziki und Salat ala Lu, dazu ein kühles Mythos.

Tag 9, Mittwoch, 7. September 2022

Ach, hab ich es schon gesagt, weil es so schön ist bleiben wir noch einen Tag und ganz ohne viel Programm, einfach so in den Tag hinein. Ein kühles Bad vor dem Frühstück, zum Frühstück kommen heute schon 6 herrenlose Hunde vorbei, bisher waren es nur drei. Den weiteren Vormittag verbringen wir mit lesen, sonnen und schwimmen. Ich lese in Winfrieds neuestem Werk „Neuigkeiten aus Paris“, das Friedrich Melchior Grimms Aktivität in der Zeit als Herausgeber des „Newsletters“, der Correspondance littéraire von 1753 bis 1773 zum Thema hat. Echt kurzweilig und mitunter so humorvoll, dass ich schallend lachen muss. 

Am späten Vormittag ruft uns die Daseinsvorsorge zur Pflicht. Im nächstgelegenen Minimarkt in einem kleinen Dörfchen kaufen wir Brot, Tomaten, Feta und natürlich Mythos. In der Beachbar trinken wir am Nachmittag im Schatten einer Kiefer Cola und schauen aufs Meer. Eine sonnenbehütete junge Dame posiert an der Balustrade und lässt sich von ihrem Freund ablichten. 

Gegen Abend nimmt ein Herr aus Luzern hinter uns mit seinem WoMo Quartier, er ist seit Mai in Griechenland unterwegs, echt beeindruckend. Er gibt uns einige Tipps für unseren anstehenden Tripp zum Olymp. 

Insgesamt ist es einer der sogenannten „bewusstlosen Tage“, wie es Winfried nennt, Tage an denen man sich keine große Gedanken macht, es einem aber gut geht, also schöne Tage, die aber bald in Vergessenheit geraten. 

Abends gibts heute Winfrieds wunderbare „Sonntagsnudeln“. Mit dem Einsetzen der Dämmerung kommen die Mücken, wir sind aber gut gerüstet mit Mückenspray, Räucherspirale und unserer neuesten Entdeckung, dem Schmelzfeuer. Das zaubert eine wirklich schöne Atmosphäre in den Abend, dazu das Rauschen des Meeres, ein Gläschen Rotwein, was will man mehr. 

Tag 10, Donnerstag, 8. September 2022

Heute nehmen wir endgültig Abschied von diesem schönen Sandstrand und es geht Richtung Norden. Zunächst wollten wir noch auf Chalkidiki bleiben, schließlich entscheiden wir uns, gleich weiter Richtung Olymp zu fahren und dort an der Küste an einem Campingplatz Station zu machen. Kiefernwälder auf z. Teil kargem Fels, Olivenhaine, Weinberge und zahlreiche Meeresbuchten begleiten zunächst unseren Weg. Dort lassen wir die Drohne steigen um auch einen Eindruck von oben zu bekommen.

Je weiter nördlich und, um mein Vorurteil zu bekräftigen, je näher an Bulgarien, desto zahlreicher und größer die Hotelburgen und Ferienresorts. Die Landschaft wird nun relativ eintönig und flach. Durch oder um Thessaloniki kommen wir gut durch und schon bald zeigt sich, seine Gipfel in Wolken gehüllt, der Sitz der griechischen Götter, der Olymp. Wirklich imposant, wie sich diese Bergformation aus der Ebene auf nahezu 3000 m Höhe erhebt. Ihm wollen wir uns in den nächsten Tagen nähern, wie weit werden wir sehen. Die Gipfel zur Gänze zu besteigen ist wohl nicht ohne und das werden wir sicher nicht machen. 

Gegen 15 Uhr stehen wir an der Rezeption des Campingplatzes Olympos Beach in Plaka, ein etwas in die Jahre gekommener Platz, der zum überwiegenden Teil den Wohnwagenburgen von Dauercampern oder kleinen Ferienhäuschen belegt ist. Im Moment ist aber so gut wie nichts davon besetzt. Ein kleines Areal unter schattigen Kiefern ist Reisenden wie uns vorbehalten. Ein tschechischer Wohnwagen und ein größeres Zelt, das von 3 jungen Männern aus Rosenheim bewohnt wird, wie wir später von einem von ihnen, einem Studenten für Altgriechisch und Latein, erfahren, haben hier schon Quartier bezogen. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen und erkunden den Platz. Auf einer Terrasse über dem Meer finden sich ein Seefood-Restaurant an dem wir später gut zu Abend essen und eine Beachbar auf mehreren Ebenen. Eine Treppe führt hinunter zum Wasser. Die netten kleinen ehemaligen Badehäuschen im typisch griechischen weißblau, dienen heute wohl nur noch als schöne Kulisse. Der kaum meterbreite steinige Strand nach links ist nicht unbedingt zum Baden geeignet. Rechts stehen dicht aneinander Sonnenliegen für die Campingplatzbesucher auf dem schmalen Kiesstreifen vor dem Meer. Auffallend ist hier, wir haben noch keinen Bulgaren gesichtet. 

Tag 11, Freitag, 9. September 2022

Auf zum zu den Göttern auf dem Olymp heißt es heute. Mit vollem Radlakku starten wir vom Campingplatz zunächst zum Dorf Litochoro. Dort erkundigen wir uns bei einer netten Griechin in der Info was wie machbar ist. Sie spricht uns gleich auf Deutsch an und wir erfahren, dass sie in Stuttgart geboren ist. Bis zur Basisstation Prionia auf 1100 m führt eine Teerstraße. Bis dort hin wollen wir mit dem Fahrrad. Die Griechin hält das für keine gute Idee und empfiehlt uns statt dessen nur bis zum nahegelegenen neuen Kloster Dionisios zu fahren und dann eine kleine Wanderung zum Canyon, der sich unweit davon an einem kleinen Fluss bis zur Basisstation hochzieht. Wir aber beschließen, soweit wie möglich hochzufahren und so quälen wir uns Kilometer um Kilometer die Serpentinen hoch. Jeder fährt sein Tempo und so hat mich Winfried schon bald abgehängt. Beim alten Kloster Dionisios wollen wir uns wieder treffen, aber von einem Kloster ist weit und breit nichts zu sehen. Zunächst führt die Straße durch fruchtbares Ackerland und schon bald tauchen wir in einem Mischwald ein, in dem die Kiefer dominiert. Nur selten gibt der Wald einen Blick nach unten über Land und Meer frei. Auch heute strahlender Sonnenschein, allerdings ist die Sicht nicht sehr gut, Olymp und Landschaft liegen im Dunst. Auf 1100 m, nach etwas 12 km aufwärts seit Litochoro stehen dann Autos am Straßenrand und ich schöpfe Hoffnung nun das Kloster erreicht zu haben, aber nix da, kein Kloster zu sehen, allerdings entdecke ich am Straßenrand Winfrieds Rad. Von ihm aber ist nichts zu sehen. Etwas ratlos stelle ich mein Rad daneben, studiere dort die Landkarte und stelle fest, dass das Kloster von hieraus in etwa 2,5 m erwandert werden kann. Ein steiler Mulipfad führt nach oben und so mache ich mich an den Aufstieg, Winfried kann ich wegen Netzmangel nicht erreichen. Meine Beine sind unglaublich schwer, jeder Schritt nach oben eine Megaanstrengung, schließlich haben meine Beine schon über tausend Höhenmeter Radaufstieg hinter sich. Ja, gut mit E-Bike, aber das ist trotzdem ganz schön kräftezehrend, zumal ja nicht volle Motorlast zugeschaltet werden kann, da sonst der Saft ganz schnell alle ist. Und, ich bin halt auch keine 30 mehr.

Irgendwann treffe ich auf Winfried, er hat sich wieder an den Abstieg gemacht. Auf dem Pfad liegt in regelmäßigem Abstand frischer Mulikot. Da muss wohl schon heute die Lastenmuli-Karawane unterwegs gewesen sein, um Abfall etc. Ins Tal zu transportieren. Im Reiseführer heißt es, denen muss man unbedingt rechtzeitig aus dem Weg gehen, die stoppen ihrerseits nicht und weichen auch nicht aus. Am Klingeln soll man sie rechtzeitig hören, ein Hirte ist nicht bei ihnen.

Wieder bei unseren Rädern beratschlagen wir, ob wir noch weiterfahren und wenn ja, wie weit. Und schließlich machen wir uns auf den Weg weiter nach oben, nach etwa 3 Kilometern kommt eine Abzweigung nach links zum alten Kloster abwärts. Ne, auch das noch, alles was wir jetzt hier nach unten fahren, müssen wir anschließend wieder nach oben treten. So beschließen wir, hier die Räder zu parken und die eineinhalb Kilometer zu Fuß zum Kloster zu laufen. Dort angekommen, müssen wir über unsere nackten Beine einen bereitgestellte Stoffsäcke überziehen und dann stehen wir im Klosterhof.

Insgesamt eine schöne byzantinische Klosterruine aus dem 16. Jhd. +, allerdings derzeit eine große Baustelle, die mit Mitteln der Eu, wie ein Schild zeigt, aufwändig saniert wird. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten sicher ein Schmuckstück. Die orthodoxe Klosterkirche ist zugänglich. Zwei Mönche sind gerade damit beschäftigt, die goldenen Kerzenleuchter zu polieren.

Wir steigen wieder aufwärts zu den Rädern und fahren dann noch die zwei Kilometer zur Basisstation Prionia am Olymp. Nun geht es erstmal wieder abwärts, das bedeutet nochmal einen Aufstieg auf dem Rückweg. Hoffentlich macht das unser Akku noch mit. Wir erreichen glücklich die Station und sind natürlich die einzigen Verrückten, die hier mit dem Rad raufgefahren sind, alle andern sind mit dem Auto gekommen. Ich glaube nicht, dass alle Autobesitzer zu den Gipfeln des Olymp aufgestiegen sind. Überhaupt wandern hier nur die Deutschen und die Österreicher, das meint auch ein junges Paar, das sich gerade rüber unsere Räder unterhält. Auf der Veranda der Berghütte stärken wir uns bei der, von der Dame an der Info empfohlenen Bohnensuppe und dazu ein kühles Mythos. Das belebt meine Lebensgeister wieder und so fühle ich mich gestärkt für den Rückweg.

Jetzt noch drei Kilometer bergan, bevor es dann nur noch abwärts geht. Gut so, denn genau so erschöpft wie ich ist der Akku meines Rades. Als der Wald dann wieder den Blick über das weite Land bis zum Meer freigibt, lasse ich den Blick schweifen, versuche ein aussagekräftiges Foto zu machen, leider können die Aufnahmen die Wirklichkeit nicht ansatzweise wiedergeben.

Zurück in Litochoro wartet Winfried am Marktplatz schon mit Kamera und lichtet das geschundene Wesen ab, das auf dem Rad daherschleicht. Wir genehmigen uns ein Eis in einem Café, erstehen noch ein Stabfeuerzeug und Olympus Nektar, einen Tsipouro, den griechischen Treberbrand. Zurück zum Campingplatz geht es auch nur bergab und erschöpft aber glücklich lassen wir uns in unsere Hängematten nieder und fallen in einen tiefen Schlaf. Ja, Hängematten, seit kurzem haben wir zwei davon, eine rote und eine blaue.

Abends gibt es Bratwürstl, die wir noch aus der Heimat mitgebracht haben, dazu selbstgemachte Tsaziki, Gurkensalat uns Brot.

Tag 12, Samstag, 10. September 2022

Heute stehen eine kleine Wanderung von Litochoro zu einem kleinen Wasserfall und einem Schluchteingang und dann Dion, eine antike Stadt in etwa 10 km Entfernung. Zu Beginn wieder 300 Höhenmeter mit dem Fahrrad bis Litochoro, uns stecken noch die Strapazen von gestern in den Gliedern.

In Litochoro gehen für zunächst direkt am Bach entlang, wir steigen über riesige Kiesel und manchmal bekommen wir auch nasse Füße, wenn sich kein besserer Weg als übers Wasser findet. Doch schon bald geht es nicht mehr weiter, wir müssen einsehen, dass das nicht der offizielle Wanderweg sein kann, der in seiner Gänze hinauf ins 1000 m hochgelegene Prionia führt. Wir kehren bis zu einem Gartenlokal zurück und jenseits des Lokals findet sich dann der richtige Weg. Diesem folgen wir mal aufwärts, mal abwärts, verlassen den Wanderweg und gehen hinunter zum Wasser, überqueren den Wasserlauf auf Steinen und irgendwann waten wir einfach durchs Wasser. Unsere Sandalen werden das schon aushalten. Der Wasserfall ist recht bescheiden und irgendwann sind wir am Eingang der Schlucht. Sehr schön. Hier unten geht es schließlich nicht mehr weiter, wir steigen wieder hinauf zum offiziellen Wanderweg, folgen diesem noch für kurze Zeit und kehren schließlich zurück. Wir genehmigen uns noch eine Cola, es ist Mittagszeit und um die 30 Grad heiß.

Nun geht es weiter mit dem Rad nach Dion. Nach etwa 10 km haben wir den Archiologischen Park erreicht. Unterwegs passieren wir wieder zahlreiche Kiwiplantagen, Kiwis sind hier in der Gegend wohl das Hauptanbauprodukt.

Im Ausgrabungsgelände von Dion ist viel Geharbeit angesagt, die einzelnen antiken Bauwerke liegen mitunter recht weit auseinander. In der sengenden Mittagshitze suchen wir jedes Schattenplätzchen, das sich bietet. Dion war eine beeindruckend große Ansiedlung. Es finden sich das Haus des Dyonisos, ein Isis-Tempel, ein Odeon, ein griechisches und ein römisches Theater, Badehäuser mit erstaunlich erhaltenen Hypocausten, eine typische Toilettenanlage mit den Sitzreihen mit entsprechenden runden Öffnungen, holprige Straßen in rasterförmiger Anordnung mit einem Belag aus goßen Steinen, in denen sich Spuren der Wagenräder eingekerbt haben, Reste einer im Quadrat angelegten Stadtmauer. Viele der Stadtbereiche sind für Besucher nicht zugänglich, werden entweder gerade erschlossen oder sind noch gar nicht ausgegraben. Wir besuchen noch das zugehörige Museum mit den üblichen Fundstücken der Ausgrabungen. Es findet sich aber auch ein ganz besonders Objekt, ein Musikinstrument mit Orgelpfeifen, den uns bekannten Orgeln durchaus ähnlich.

Gegen Abend füllt sich der Campingplatz. Eine Gruppe von acht bulgarischen jungen Bergbezwingern bezieht Quartier in 5 Zelten und nach und nach kommen auch die Bewohner der Dauercampinganlagen um ihr Wochenende hier zu verbringen.

Tag 13, Sonntag, 11. September 2022 – vom Olymp nach Meteora

Wieder stehen die Zeichen auf Abfahrt. Nach duschen und Frühstück gehts an den Vorbereitungen zum Aufbruch: Wasser auffüllen, WC leeren, Verdunklungen abnehmen, Tisch, Stühle und Sonnenschirm verstauen, Strom abkoppeln, Fenster schließen, im Wageninneren alles sicher verstauen, Wäscheleine und Hängematte ab und …..

Nach dem Bezahlen (für 3 Tage 66 Euro inclusive Strom) brechen wir gegen halb elf auf Richtung Meteora. Nach gut zwei Stunden Fahrt, in der wir zunächst das Olympusgebirge umfahren, folgt eine recht monotone Ebene, deutlich verdorrter als das, was wir bisher im Norden Griechenlands gesehen haben. Baumwollfelder dominieren neben abgeernteten Getreidefeldern einige Kilometer vor erreichen unseres Ziels die Landschaft. An den Straßenrändern sammeln sich die weissen Wollbällchen der Baumwolle.

Und dann, vor uns zeigen sich die ersten gewaltigen Felsformationen des Meteoragebietes. Unser heutiges Ziel, der Campingplatz Varchos in Kastraki ist schnell erreicht und scheint der ideale Ausgangsort für die Erkundung des Meteoragebietes und seiner einzigartigen auf den Felsen schwebenden Klöster zu sein. Ein Herr empfängt uns gleich deutschsprachig, er ist gebürtiger Berliner und wir können uns einfach einen Platz aussuchen. Noch ist nicht viel los am Campingplatz, bis zum Abend wird sich das ändern. Nachdem wir uns für ein Plätzchen entschieden und notwendigen Ankunftsarbeiten verrichten haben, nehmen wir ein erfrischendes Bad im Pool.

Hier im Landesinneren zeigt das Thermometer heute 33 Grad. Gegen 16 Uhr brechen wir mit den Rädern und der Drohne auf dem Gepäckträger auf, für eine erste Erkundung des Gebietes. Einfach sagenhaft und einzigartig, was die Natur hier hervorgebracht hat. Aber nicht weniger beeindruckend das von Menschenhand geschaffene Werk, der in den Höhen auf den Felsen thronenden Klöster.

Dreimal lassen wir die Drohne aufsteigen, damit sie uns einmalige Aufnahmen aus ungewöhnlicher Perspektive zeigt. Und wieder müssen wir hunderte von Metern mit unseren Rädern in die Höhe strampeln, was ordentliche in die Beine geht. Für heute lassen wir es gut sein, gegen sechs treten wir den Rückweg an.

Es geht nun nur noch bergab und so sind wir kurze Zeit später wieder am Campingplatz und nehmen unser Abendessen in der campingplatzeigenen Taverne.

Tag 14 – 12. September 2022 – Meteora Klöster

Ein Höhepunkt steht heute auf dem Programm. Wir wollen zu den Meteoraklöstern. Bereits gestern konnten wir uns erste Eindrücke verschaffen von dieser grandiosen Felsenlandschaft mit den hoch oben schwebenden Klosteranlagen. Vom Campingplatz Vachos Kastraki in Kastraki starten wir mit unseren E-Bikes, durchfahren den Ort Kastraki, der wohl zur Gänze vom Tourismus lebt. Es geht unentwegt bergan, wie anders könnte es sein. Noch stört die Ortsbebauung den Blick auf die Felsformationen. Bis zu 400 m in die Höhe türmen sich die Steingebilde. Auf nur noch sechs dieser Felsenberge thront eine Klosteranlage, 24 sollen es einmal gewesen sein. Als erstes erreichen wir das Kloster Roussanou.

Es ist schon ganz schön Betrieb hier, zwei Busse haben bereits ihre Menschenladungen ausgespuckt, und die Japaner wagen sich auch wieder nach Europa, Corona hat wohl seinen Schrecken verloren. Direkt am Eingang unten an der Straße zeigen Schilder die Kleiderordnung, Frauen mit langen Röcken, Männer lange Hosen, nicht schulterfrei. Ich habe vorsichtshalber ein orangefarbenes Tuch dabei, das ich mir um die Hüften binde und Winfried versucht fluchend die Verlängerungen seiner Wanderhosenbeine zu montieren.

Dann geht es in Serpentinen bergan bis zur Pforte. Erste Station „Kleiderkontrolle“. Wer unpassend gekleidet ist, muss hier ein buntes Tuch erwerben, vermutlich zu hoffnungslos überhöhten Preisen. Meine Verkleidung geht durch und so löhnen wir je 3 Euro Eintritt und sind dann im Klosterinneren. Vorsichtshalber haben wir hier Masken angelegt, das Gedränge ist enorm, sowohl auf der Aussichtsterrasse, wo es kaum ein Besucher lassen kann, sich selber zum Mittelpunkt in dieser grandiosen Landschaft zu machen, und sowieso in den allerheiligsten Räumen. Auch wir knipsen hier das obligatorische Selfie. In den Kirchenraum dringen wir gar nicht vor, eine Besuchergruppe nach der anderen schiebt sich durch die schmalen Räume. Wir kapitulieren und treten den Rückweg an. Weiter geht es zu Great Meteoro und Varlaam. Dort ist die Schlange der Besucher, die sich nach oben wälzen so gewaltig, dass wir uns das Geschehen nur von Ferne ansehen und auf den ein und anderen Felsen klettern und natürlich viel zu viele Fotos schießen. Es ist kaum zu erwarten, dass sich die Klöster im Inneren groß unterscheiden, und so wollen wir ohnehin nur in zwei von ihnen ins Innere vordringen und als Nummer zwei steht das nächstgelegene auf unserem Rundkurs zur inneren Einkehr an, das Nonnenkloster St. Trinity, das James Bond Kennern ein Begriff sein wird. Dieses sitzt besonders malerisch auf einem freistehenden Felsen, so dass man sich zunächst gar nicht vorstellen kann, wie dieses erreicht werden kann. Es ist in der Tat nicht so einfach. Von der Straße geht es erst in Serpentinen bergab und wir durchschreiten eine Art Tal, um dann jede Menge schweißtreibende Stufen zur Pforte hinaufzusteigen. Hier finden zur Zeit umfangreiche Baumaßnahmen statt, so dass es nur den Raum mit der Seilwinde, vermutlich noch ein Relikt aus Bonds Zeiten, eine kleine Kapelle und großartige Ausblicke im Freien zu sehen gibt. Weit und breit kein Klosterleben zu sehen, keine Nonne, kein Nichts. Schade. Hier ist erstaunlich wenig Betrieb, da hatten wir wohl Glück, auf dem Rückweg kommen uns ganze Busladungen von Menschen entgegen.

Der Lastenaufzug, der zwischen Straße und Kloster die Baumaterialien etc. transportiert, beeindruckt uns hier am meisten. 

Wir steuern noch das Kloster St. Stefanos an, das heute geschlossen hat und nach dem Pflichtfoto wenden wir, hier ist die Straße zu Ende und rauschen zur Ortschaft Kalabaka hinab und zurück zum Campingplatz. Die Umrundung des Meteoragebietes ist nach ziemlich genau 20 km abgeschlossen.

Abends essen wir wieder in der campingplatzeigenen Taverne. Sie ist brechend voll und so ergattern wir ein Tischen von Gästen, die gerade eben das Lokal verlassen. Es dauert ewig bis wir überhaupt zur Kenntnis genommen werden von den drei sichtlich genervten Bedienern, Frauen findet man in Griechenland äußert selten im Publikumsbereich, die werden nach wie vor in die Küche verbannt. Irgendwann können wir zumindest bei einem vorbeieilenden Herren zwei Mythos bestellen, die er dann auch prompt vorbeibringt. Bis wir allerdings das Essen bestellen können, vergeht noch viel Zeit und so müssen wir gleich noch ein Mythos bestellen, als wir endlich unseren Essenswunsch äußern können. Ich bestelle Pork Chops und WInfried wieder sein Chickenfilet. An den Knochen meiner Koteletts hängen eigentlich nur fette Fetzen, wäre ich nicht ein ausgesprochener Allesfresser, ich hätte weiß Gott was …  Wir müssen dann noch einen Schluck von unserem Göttertrank vom Olymp zur Verdauung nehmen und das Resultat: Kopfweh – oder kommt das Kopfweh doch vom plötzlichen Luftdruckabfall, der uns am kommenden Tag einen ziemlichen Wind in den. Nachmittags- und  Abendstunden beschert.

Tag 15 – 13. September 2022 Abschied von Meteora

Heute geht es zurück ans Meer, Zwischenstation bei Lamia am pagasäischen Golf, gegenüber der Insel  Euböa, bevor es dann in den Moloch von Athen geht. 

Die Fahrt führt zunächst durch die Ebene mit viel Industrie, viel Müll und Zersiedelung. Nicht besonders attraktiv, einzig die Baumwollfelder faszinieren vor allem mich. Und endlich finde ich eine Stelle, wo ich am Straßenrand anhalten und ein Foto machen kann.

Nach dem Überqueren einer kleinen Gebirgskette sind wir dann nach etwa zweieinhalb Stunden am Campingplatz Venezuela. Die Besitzerin, eine rührige blondlockige Dame in den Fünfzigern, begrüßt uns mit ihrer durchdringenden etwas schrillen Stimme überschwänglich und macht uns einen Platz direkt am Zaum schmackhaft des Schatten und des leichten Windes, der hier ständig weht, wegen. Es sind außer uns nur ungefähr drei weitere WoMos und einige Zelte hier, bis zum Abend kommen dann aber noch einige hinzu, hauptsächlich Deutsche und Niederländer und, siehe da, kein einziger Bulgare.

Es ist große Wäsche angesagt und dank Sonne und Wind trocknet diese in Windeseile. 

Gegen Abend erkunden wir die Gegend, fahren die Uferstraße entlang. Das Meer reicht hier mitunter bis zur Straße und die Wellen peitschten uns Gischt ins Gesicht. In einer Sumpfgegend finden sich Flamingos, die wir aber nicht gut vor die Linse bekommen. Genauso wie wir uns annähern entfernen sie sich von uns. Eine griechische Landschildkröte sitzt regungslos am Straßenrand, Vogelschwärme erheben sich in die Lüfte und Baumwoll- und Weinplantagen mit prall hängenden Trauben und natürlich Olivenbäume säumen unseren Weg. Riesige Parabolspiegel der esa suchen den Himmel ab. 

Bei Rückkunft stinkt unser Grauwasser wieder bestialisch und wir können nicht ausmachen, woher das kommt. Aus den vier Abläufen scheint es jedenfalls nicht zu kommen. Wir gießen wieder Wasser in die Abläufe und es dauert, bis der Gestank nachlässt. Ein ziemliches Ärgernis.

Zu Abend essen wir am Campingplatz, der rührigen Besitzerin wegen, hat sie sich doch um unsere fliegende Wäsche gekümmert während unseres Ausflugs. Ich esse Coq au vin mit Honig und Winfried ein Schweinefilet, das alles andere als ein Schweinefilet ist, dazu den Hauswein in Rot, der nicht ganz unseren Geschmack trifft. 

Tag 16 – 14. September 2022 – Ruhetag

Heute morgen gabs Stromausfall, die Campingplatzbesitzerin ist sichtlich verzweifelt. In zwei Stunden soll er wieder da sein. Für uns bedeutet das Pulverkaffee zum Frühstück und keinen aus der tollen Kapselmaschine, und dass wir unser Solarpaneel anschließen müssen. 

Ansonsten gönnen wir uns heute einen Ruhetag, bevor wir uns morgen nach Athen wagen wollen. Gestern waren wir beide so erschöpft, dass wir schon recht früh in die Federn gesunken sind. Ich habe auch tausend Sachen geträumt, wie immer weiß ich nur Fragmente davon am Morgen. 

Der Tag verläuft ruhig, wir räumen hin und her und spülen unsern Grauwassertank mit ordentlich viel Wasser. Am späten Vormittag nehmen wir ein Sonnenbad am Meer direkt gegenüber unseres Campingplatzes. Unter einem der dort bereitgestellten Sonnenschirme okkupieren wir zwei Liegen. Wir sind die einzigen Sonnenanbeter am kleinen Strand. Hier ist die Saison sichtlich vorüber, andernorts merkt man davon noch wenig.

Nachmittags kehren wir zurück und nach einem kleinen Mittagsschläfchen gehts ans Arbeiten. Das mit dem Internet ist ein echtes Ärgernis auf Reisen. Was habe ich schon Zeit damit vertan, irgend ein funktionierendes Netz aufzutreiben. Heute nutze ich das campingplatzeigene WLAN, das aber nur direkt im Rezeptionsbereich gut funktioniert.

Abends gibts heute Winfrieds sog. Sonntagsnudeln und es stinkt wieder im Auto. Jetzt glaube ich unsere zweite Bordbatterie als Verursacher ausfindig zu machen. Nach Recherche im Netz sind wir so verunsichert, dass Winfried diese Batterie abklemmt und irgendwie irgendwas isoliert.

Tag 17 – 15. September 2022 – Athen

Der morgendliche Aufbruch geht zügig voran. Gegen halb zehn brechen wir auf in Richtung Athen. Wir nehmen die Mautstrecke, da uns diese weniger „aufregend“ erscheint, was den Verkehr in Athen angeht. Gut 200 km sind zu fahren und fast ausschließlich Autobahn. Wir blechen dafür 27,75 Euro. Das finde ich unverschämt. Um halb zwölf erreichen wir ohne großes Verkehrschaos den Campingplatz Athens Camping. Er liegt ja direkt an der Hauptverkehrsstraße nach Korinth. Nachteil: sehr laut. Wir werden von einer jungen Frau sehr freundlich empfangen, bekommen auch einen sehr schönen geräumigen Stellplatz zugeteilt, nachdem sie mehrfach die Länge unseres Autos abgefragt hat und wissen wollte, ob wir eine Hecktüre haben, die geöffnet werden muss. Die nehmen es hier ganz genau. Selbstverständlich darf man nicht Grillen und kein Feuer machen und, höre und staune, keine Hängematte aufhängen, da die schattenspendenden Olivenbäume wegen der Trockenheit sehr leicht brechen sollen. Aus einem uns unbekannten Grund nehmen sie auch keine selbstausgebauten Campingfahrzeuge auf. 

Wir erhalten noch einen Stadtplan von Athen und eine genaue Beschreibung in Deutsch wie mit welchem öffentlichem Verkehrsmittel in die Innenstand zu kommen ist und wo es Fahrkarten zu erstehen gibt. Ein gerade abreißender Nürnberger überlässt uns seine noch gültigen Tageskarten, super vor dem Campingplatz dass wir nicht gleich hunderte von Metern zum Fahrkartenautomaten laufen müssen und unsere Karten bequem in der Innenstadt kaufen können. 

Nach einem griechischen Salat und etwas Ruhezeit fahren wir dann in die City, steigen Haltestelle Akropolis aus und stehen kurz danach vor dem Eingang zur Akropolis, wo kaum was los ist und so beschließen wir, gleich heute hinaufzusteigen und erwerben ein Kombiticket für je 30 Euro. Es ist sehr heiß und es weht kaum ein Lüftchen. 

Wir passieren zunächst die beiden Theater und steigen dann in die Höhe. Und, was soll ich sagen, man ist schneller oben als man denkt und weder die Propyläen noch der kolossale Parthenon kommen an meine Erwartungen heran. Vielleicht liegt es daran, dass das ganze Areal eher einer Baustelle als DER griechischen antiken Stätte gleicht. Beeindruckend ist der Blick auf die riesigen Stadt ringsum. Und natürlich sind hier wieder die ganzen SelbstdarstellerInnen, die sich hier vor ihren Handys zum Affen machen, zugange. Da gehört es natürlich dazu, erst noch die Lippen nachzuziehen, das Haar zurecht zu zupfen und den Busen in Formation zu bringen und dabei auf den 12 cm Highheels das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Wieder unten in der Stadt, stelle ich fest, dass der Eindruck des Burgberges der Akropolis von hier unten imposanter ist, als direkt oben.

Am Fuße der Akropolis beschließen wir den Tag in der Plaka, einem der ältesten und beliebtesten Stadtteile Athens, bei einem griechischen Essen und Bier in einer der zahlreichen Tavernen.

Tag 18 – Freitag, 16. September 2022 – Athen

Das Akropolismuseum steht heute ganz oben auf dem Besuchsplan. Zunächst aber gilt es die tägliche Überquerung der 6-spurigen Straße zur gegenüberliegenden Bushaltestelle zu überleben. Es ist hier zwar ein Fußgängerüberweg, aber das kümmert die rasenden Athener einen Dreck. Und wehe, du wagst es, die Straße zu betreten, während sie mit ihren Schrottkübeln heranrasen. Drohend, hupend, schreiend jagen sie dich von der Fahrbahn. Hast du das überlebt, geht es mit dem Bus 15A zunächst zur Larissa Station und dann weiter mit der roten Linie der Metro bis zur Haltestelle Acropoli. Tatsächlich haben wir ein Fünftageticket für die öffentlichen Verkehrsmittel für 8,20 Euro je Person. Ein echtes Schnäppchen. Der Eingang zum modernen Neubau des Akropolismuseums ist gleich um die Ecke und die Schlange vor dem Ticketschalter relativ kurz. Der Versuch, die Tickets vorab online zu erwerben ist wieder mal an der Kreditkarte gescheitert, die das System, warum auch immer, nicht akzeptieren wollte. Wir sind dann doch recht schnell in der Ausstellung und stehen in einer riesigen Halle, viele Exponate, viele kopflose Figuren und viele Wächter, die das Fotografierverbot überwachen. In der oberen Etage ist das Fries des Pantheons in Augenhöhe zu bewundern. Insgesamt eine etwas kontur- und konzeptlose Ansammlung von Exponaten. Eine Geschichte zu erzählen gelingt hier nicht. Da hilft es auch nicht, dass die Fußböden zu ebener Erde gläsern sind und die Sicht auf altes Athener Gemäuer freigeben. 

Die sengende Hitze hängt über der Stadt als wir das Museum Richtung Park mit Ziel Philosophenberg verlassen. Im Schatten von Olivenbäumen ruhen wir auf einer Parkbank etwas aus und steigen dann hinauf. Das Philosophenmonument auf der Hügelkuppe ist leider wieder derart massiv umzäunt, dass einfach der Wow-Effekt nicht aufkommen mag. Dafür hat man von hier einen sehr schönen Blick zur Akropolis, was natürlich wieder die Selbstdarsteller, allen voran die Selfie-Instagram-Girlys anzieht, die um sich herum nichts mehr wahrnehmen und gar nicht auf die Idee kommen, dass auch andere Besucher gerne diesen Blick für sich erleben möchten.

Anschließend soll es zur Ancient Agora gehen und rennen uns fast die Hacken ab, passieren eine komplett aus Spolien errichtete Kirche und die Reste riesigen Theaters, deren riesige Steinquader echt beeindrucken und irgendwann stehen wir vor dem Eingang zum alten Marktplatz und können endlich von unserem 30 Euro Ticket Gebrauch machen.

Die Hauptattraktion hier ist der nahezu in seiner Gänze erhaltene Tempel des Hephaestus. Und, was das Schöne ist, im Gegensatz zur Akropolis, kommt man relativ nahe heran.

Im langgestreckten Säulenbau des Museums der alten Agora sind dann wieder die Figuren und Köpfe und viele Aquarelle Athener Sehenswürdigkeiten, die ein reisender Engländer 1805 angefertigt hat. Im osmanischen Athen dürfen die malerisch in Szene gesetzten Muselmannen auf keinem der Aquarelle fehlen. Thematisiert wird z. B. aber auch die Plünderung antiker Schätze. 

Auf dem Weg zur Plaka, wo wir uns von den Strapazen des heißen Tages erholen und stärken wollen, besichtigen wir noch die Hadrians Bilbliothek und bei einem der vielen Schmuckhändler am Wegrand findet mich ein silberner Armreif, wie ich sie so mag. Von 35 Euro handle ich den Preis auf 26 Euro herunter und mein ist das Teil. Passt auch gut zu meinen beiden vorhandenen. Jetzt ist das Trio wieder komplett. 

In der Plaka lassen wir uns in einer der Tavernen im Freien nieder, das Mythos vom Fass wird auch prompt geliefert, ebenso Tsaziki und Winfrieds griechischer Salat. Auf mein Schweinesteak warte ich eine ganze Stunde und die Herren Ober tun, als wir reklamieren, als wäre das das normalste der Welt. Einfach ärgerlich, dabei hat der ältere Ober bestimmt meine Bestellung vergessen. Besonders dreist aber war, als der Herr beim Bezahlen per Karte erst fragt, wieviel Tipp wir geben möchten und wir uns etwas ratlos ansehen, weil wir eigentlich nichts geben wollten, woraus er von sich aus 10% beschließt und die per Knopfdruck einfach auf die Rechnungssumme draufschlägt. So etwas dreistes habe ich noch nicht erlebt. Und wir waren wieder so doof und haben es einfach hingenommen. 

Tag 19 – Samstag, 17. September 2022 – Athen

Erster Programmpunkt heute das Archäologische Nationalmuseum, eine Sammlung die vor allem der griechischen Antike gewidmet ist. Zunächst dauert es eine Weile, bis wir dort hinfinden. Merkwürdigerweise nähern wir uns immer von einer Seite, von der man anscheinend als Tourist nicht kommt. Es gibt keinerlei Wegweisungen.

Wir kommen sofort zu unseren Karten, wobei die Dame am Ticketschalter den Ausweis, der Person sehen möchte, die angeblich über 65 ist. Und als sie Winfrieds Ausweis sieht, ist sie total verwundert, sieht er doch aus wie 48, sagt sie. Na, wenn das mal kein Kompliment ist. 

Gleich zu Beginn der Ausstellung die Goldmaske des Agamemnon und weitere Masken und herrliche Exponate aus Mykene, die Heinrich Schliemann bei Ausgrabungen entdeckt hat.

Überwältigend dann der Reiter vom Kap Artemision, die Bronze eines Jungen auf einem springenden Pferd in Lebensgröße in einer Lebensechtheit, wahrlich meisterlich. Unglaublich, dass so etwas von Menschenhand vor tausenden von Jahren geschaffen wurde. Die Skulpturensammlung im Erdgeschoss ist einfach großartig.

Ein weiterer persönlicher Höhepunkt ist der Mechanismus von Antikythera, ein Himmelskalender von ca. 150 vor Christus, das in der Nähe der Insel Antikythera in einem Schiffswrack gefunden wurde. Winfried hat diesen in seinem Krimi „Der andere Mann“ thematisiert. 

Dieses Museum ist ein wahres Highlight und man darf sogar fotografieren. 

Mit der Metro geht es weiter zum Syntagma Platz, wo wir vor dem Griechischen Parlamentsgebäude dem Treiben der Wächter in ihren Röckchen und den riesigen schwarzen Knödeln auf den Schuhspitzen zusehen, wie sie die Beine schwingend eine Art lustiges Ballettstück aufführen, indem sie ihre Beine in die Lüfte schwingen und hin- und herwedeln. Außer den beiden Wächtern gibt es noch einen dritten in Kampfuniform, der den beiden jungen Wächtern mit ihrer Mähne am Helm den Schweiß aus dem Gesicht wischt oder was auch immer, mit ihnen für Kurze Zeit im Wachhäuschen verschwindet und dann beginnt das Spiel von vorne. Bis zur Wachablösung haben wir nicht gewartet, uns hat ja schließlich niemand den Schweiß von der Stirn gewischt und wir standen in der selben sengenden Sonne. Zugegeben, unser Kostüm war nicht ganz so opulent. 

Kerameikos ist das weitere Ziel, das wir nur nach langem Fußmarsch und wegen fehlender Hinweisschilder kaum ausfindig machen können. Endlich drinnen, stehen wir vor verschlossener Museumstür. Ich frage die Dame der Aufsicht wo der Eingang sei, sie zeigt nur gelangweilt auf einen Zettel, der an der Tür hängt. Dort steht, dass das Museum seit 2 Tagen geschlossen ist. Zitat aus dem Tagebuch der Aufsicht: „Jetzt haben wir schon auf die Wegweisung hierher verzichtet und haben das Museum geschlossen und trotzdem finden uns diese schrecklichen Touristen und kommen in Scharen. Was noch können wir tun, damit wir endlich unsere Ruhe haben?“ So besichtigen wir, was an antikem Friedhof und sonstigem Mauerresten zu sehen ist und, trotz zweimaliger Nachfrage bei einer anderen Gelangweilten, finden wir den Fundort des 2015 sensationell entdeckten Orakelheiligtums des Apollon mit dem Omphalos nicht und geben dann auf und ziehen uns auf den Campingplatz zurück um unsere geschundenen Körper zu pflegen. 

Oh, Überraschung auf dem Campingplatz. Direkt neben uns hat ein britisches Paar seinen Freestyle Ducato so aufgestellt, dass wir jetzt Teller an Teller essen können. 

Tag 20 – Sonntag, 18. September 2022

Wir stehen heute bereits um sieben Uhr auf, da wir auf den vielgerühmten Athener Flohmarkt am Monastirakiplatz wollen, der vor allem sonntags ganz besonders sein soll, weil die Griechen hier ihre Schätze feilbieten und das ganze eine Art griechisches Volksfest ist, wo jeder Athener verkauft, kauft, in einer Taverne sitzt und wo es zum Abschluss in jeder Taverne Livemusik gibt. Und weil wir lesen, dass ab elf Uhr kein Durchkommen der Menschenmenge wegen ist, wollen wir schon um 9.00 Uhr vor Ort sein. Die Straßenüberquerung vor dem Campingplatz gelingt heute Sonntag deutlich leichter, dafür sind die Wartezeiten auf den Bus länger. Am Monastirakiplatz angekommen sehen wir nichts. Aus der orthodoxen Kirche klingt der monotone Singsang des Sonntagsgottesdienstes.

Etwas ratlos gehen wir dann in die Gasse mit dem Schild Flea Market, dort gibt es eine Art Dauerflohmarkt, hier wird aber meist neue Ramschware angeboten. Heute allerdings nicht mal das, alles geschlossen. Wir laufen noch ein Stück weiter und dann, irgendwann vernehmen wir Stimmengewirr und es tauchen die ersten Händler auf, die auf Tüchern auf der Straße ausgebreitet ihren alten Krempel anbieten. Viele sind erst im Aufbau, alle möglichen Bretter werden hin- und hergetragen um Gestelle zu fertigen, auf der dann präsentiert wird. In den Läden ringsum türmen sich die Waren.

Wer etwas bestimmtestes sucht, kann fündig werden bei entsprechender Ausdauer. Wir, ohne bestimmtes Kaufziel haben dann erstmal genug gesehen und werden dann auf dem Rückweg doch noch fündig. Wir erstehen ein neues Wimmerl für Winfried, sein altes ist in einem denkabr schlechten Zustand. In einem Café wollen wir unsere weiteren Ziele für heute beratschlagen. Beim Hinsetzen bemerke ich, dass ich versehentlich noch ein weiteres Wimmerl, das wir uns zur Ansicht haben geben lassen, mitgenommen habe. Noch dazu mehr als doppelt so teuer als das, das wir gekauft haben. Wir überlegen, was wir damit machen sollen und bringen es schließlich zurück. Die Verkäuferin bedankt sich überschwänglich.

Zum Zeustempel Olympieion soll es nun gehen, einem Monumentalbau von 108 Metern Länge, der zweitgrößte seiner Art in Griechenland soll es sein. Heute aber stehen nur noch 15 Säulen, die meisten davon derzeit eingerüstet und von daher ist der Blick etwas getrübt. 

Weiter wollen wir zum Lyceum, der Schule des Aristoteles. Anstatt der etwa 400 m, die dieser vom Zeustempel entfernt sein soll, irren wir Kilometer um Kilometer durch Athen, umrunden den National Garden mit dem Megaron und am oberen Ende dem Parlamentsgebäude, wo gleich um zwölf wohl eine größere Zeremonie stattfinden wird. Einige hundert Schaulustige und Polizei, die die Meute im Zaum halten soll, haben schon Position bezogen. Wir aber wollen nicht warten und suchen weiter nach unserem Weg und kaum eineinhalb Kilometer weiter stehen wir vor dem Eingang zum Lyceum. Und, was gibt es da zu sehen? Nicht viel. Ein paar Mauerreste und ein paar Hinweisschilder, die zu lesen ich mich heute außer Stande sehe, da in der prallen Sonne und in Englisch. Ich gebe mich geschlagen, versuche aber mir noch vorzustellen, wie die Philosophen und Lehrer mit ihren männlichen Schülern hier palavernd umherwandeln oder haben sie eher dem Ringkampf gefrönt? 

Nun entdecken wir nebenan das Kriegsmuseum und, ich weiß nicht warum, das findet Winfrieds besonderes Interesse. Kurzentschlossen nehmen wir auch das noch mit. Am besten gefällt mir so eine skurrile Kampfmaschine im Außenbereich. 

Als Abschluss unseres Athenaufenthalts gönnen wir uns nochmal ein Mahl in einer Taverne am Monastirakiplatz. Hier ist tatsächlich der Bär los. Alles gerammelt voll. Wir bekommen aber bald ein Plätzchen, ein älterer Ober rennt sich die Hacken ab. Es geht alles ratz-fatz. Gyros und Souvlaki sind ganz gut, es gibt im inneren der Taverne Livemusik. Der Strom der vorbeiziehenden Besucher nimmt kein Ende. 

Zurück geht es dann zum Campingplatz. 

Tag 21 – Montag, 19. September 2022 – Abschied von Athen

Wir verlassen Athen gegen 10 Uhr Richtung Westen und wollen uns an einem kleinen, einfachen Campingplatz am Golf von Krissa in der Nähe von Delphi nach den Strapazen einer Großstadt am Meer ausruhen. Ich bin mit Fahren dran, habe in der Nacht nicht sehr viel Schlaf gefunden und vor der Fahrt durch die Straßen Athens habe ich schon etwas Bammel. Aber vom Campingplatz aus geht es direkt auf die Verbindung in Richtung Korinth und wir kommen recht unkompliziert aus der Stadt. Auf den Baumwollfeldern ist die Ernte in vollem Gange. An den Straßenrändern sammeln sich die weißen Wollbällchen, die vermutlich den Bauern von ihren Gitterwagen geblasen oder einfach nur von den Feldern angeweht wurden. Wir überlegen ob es sich lohnen könnte, diese einzusammeln. weiter geht die Fahrt durch die östlichen Ausläufer des Kitharion, tangieren das Pastra-Gebirge, überqueren einen Pass mit 630 m Höhe und dann geht es hinab in die blutgetränkte Thebanische Ebene. Hier begegneten sich im 4. Jhd. V. Chr. Spartaner, Thebaner und Athener auf sehr unfreundliche Weise. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt erreichen wir den Campingplatz Ayannis beim Örtchen Itea. Der Platz ist sehr einfach, hauptsächlich ist der Platz wohl für Zeltcamper von denen im Moment jedoch keiner mehr hier ist. Die paar wenigen Plätze für Wohnmobile sind allerdings belegt, aber der Grieche wäre nicht der Grieche, wenn sich da nicht doch ein Eckchen finden würde, und so stehen wir zwischen der Terrasse, der jetzt zum Saisonende bereits geschlossenen Taverne und dem Abgang zum Strand. Morgen sollen einige abreisen und, wenn wir möchten, können wir umziehen. Nach dem üblichen Auspacken genießen wir die Ruhe, die Sonne und den herrlichen Blick auf den Golf mit seinem türkisblauen klaren Wasser. Am späteren Nachmittag fahren wir in den gut einen Kilometer entfernten Ort Kirra um ein paar Einkäufe zu erledigen. Der Ort wirkt wie ausgestorben, die Tavernen am Ufer warten, jetzt wo die Saison vorbei ist, wohl vergeblich auf Kundschaft. Im Supermarkt gibt es nur ein ganz junges Mädchen, das unsere Fragen nach dem richtigen griechischen Joghurt für Tsaziki versteht. Sie lacht unentwegt und wirkt irgendwie hocherfreut weil wir wohl ein klein wenig die große weite Welt hierher oder zumindest etwas Abwechslung in ihr Leben bringen. 

Zurück am Campingplatz kommen wir mit dem Paar aus Forchheim ins Gespräch, das, wie sich schnell herausstellt, zum Thema Corona alles weiß, von der großen Weltverschwörung, bei der Bill Gates die Fäden zieht, den falschen Berichten über Todeszahlen und die Krankenhausbelegung usw… Gegen jedes Gegenargument unsererseits werden uns sofort irgendwelche Quellen und Zahlen um die Ohren gehauen, es ermüdet mich noch mehr, als ich es mittlerweile ob der fast durchwachten Nacht ohnehin schon bin. 

Ich nehme dann noch ein herrlich erfrischendes Bad im Meer.

Abends aber ein Highlight: es gibt Spaghetti aglio e olio beim Blick übers Meer hinüber zur Hügelkette auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs. Die Sonne verabschiedet sich hinter den Hügeln, ein Wind frischt auf, genau das richtige nach Athen und Weltverschwörung. 

Tag 22 – Dienstag, 20. September – Ruhe- und Arbeitstag

Winfried hat heute Rücken und heftige Schmerzen, die Voltaren und IBU 600 hoffentlich etwas lindern können. Gestern Nachmittag gab es kein Brot mehr im Markt und so fahre ich vor dem Frühstück runter ins Dorf. Beppo Straßenbläser ist unterwegs. Mit seinem Laubbläser bläst er die Straße sauber, wobei es hier im Dorf, wie uns gestern schon aufgefallen ist, sehr sauber, wenn auch sehr einfach ist. Ich fahre weiter nach Itea und zur kleinen Promenade am Meer. Taverne reiht sich an Taverne direkt am Ufer, eine ältere schwarzgekleidete Griechin sitzt auf ihren Gehstock gestützt vor einem Café, ansonsten ist kein Mensch zu sehen. Ich kaufe Brot bei der kleinen dauerlächelnden Griechin und nach dem Frühstück ziehen wir um auf einen schönen Platz mit freiem Blick hinunter zum Strand und angenehm schattenspendenden Pergola-Bäumen über uns. Es ist einfach wunderbar. Wir genießen die Sonne, mal direkt am Strand, schwimmen, schnorcheln etwas und mal vor unserem Wohnmobil. Winfried liest und schreibt, ich arbeite. Es ist ein schöner ruhiger Tag.  Abends gibt es Ratatouille, Rotwein und vom Campingwart Tsipouro zum Testen. Unsere neuen Nachbarn aus Leverkusen lassen wir auch gleich mittesten, habe ich doch ein kleines schlechtes Gewissen, weil ich ihnen heute unsere Wäsche vor die Nase gehängt habe. 

Tag 23 -Mittwoch, 21. September 2022

Wir wollen zumindest noch heute auf dem Campingplatz bleiben. Es ist wechselhaftes Wetter angesagt und im Laufe des Tages bewahrheitet sich die Prognose. Von allen Seiten ziehen Wolken auf und verziehen sich wieder, die Sonne kommt durch. Und so fahren wir auf Erkundungsfahrt nach Kirra und weiter nach Itea und darüberhinaus. Wir kommen an einer Schule vorbei, an der gerade Fahnenappell oder was auch immer im Schulhof geprobt wird. Die jungen Leute sollen wohl in Reih und Glied im Gleichschritt marschieren, voran ein Fahnenträger mit der griechischen Flagge und ein Befehle schreiender Lehrer. Sehr befremdlich.

Wir fahren weiter ein Stück hinter das Ortsende, ein Tagebau mit braunroter Erde und viel, viel Müll dominieren die Landschaft. Wäre es nicht sinnvoller, mit den Schulkindern mal Ramadama zu machen als diesen unsinnigen Aufmarsch zu proben?
Der Himmel verdunktelt sich bedrohlich und so kehren wir um, erstehen in einer Bäckerei Brot und in einem Supermart Tomaten etc.
Zurück am Campingplatz ist es knapp ein Uhr und wir nehmen eine Brotzeit zu uns. Und weil ich hundemüde bin, konnte ich doch in der vergangenen Nacht gar keinen Schlaf finden, ziehe ich mich in die Horizontale ins Auto zurück. Kurz darauf gibt es ein Gewitter mit heftigem Regen, der aber nur etwa eine Stunde anhält. Danach scheint mal die Sonne, stürmt es, scheint wieder die Sonne, stürmt wieder. So geht es bis zum Abend. Irgendwann machen wir noch einen Spaziergang über den Strand und kehren zurück durch einen Olivenhain und über die vermüllte Straße. Das Abendessen nehmen wir heute im Auto zu uns, draußen war es mitunter zu ungemütlich.

Tag 24 – Donnerstag, 22. September 2022

Es ist kühl und bedeckt am Morgen. Die beiden lauten weißen Riesen aus Frankreich direkt neben uns, reisen ab und wir beschließen, sofern vom Campingwart grünes Licht gegeben wird, auf den Paradeplatz direkt über Meer mit der zwei Stationen weiter zu ziehen und unseren Aufenthalt hier mindestens bis Sonntag zu verlängern. Es ist einfach zu schön hier. 

Gefragt, getan. Wir richten uns am neuen Platz ein, ich arbeite etwas am Computer und gegen Mittag brechen wir mit den Rädern auf in Richtung Delphi. Zunächst wollen wir ein Stück radeln und dann evtl. Wandern in der breiten Schlucht unter Delphi. So radeln wir, nachdem wir die Hauptstraße verlassen haben, Kilometer um Kilometer durch Olivenhaine, die die gesamte Schluchtebene durchziehen, links und rechts steigen die Felswände hoch. Der Weg ist mal geteert, meist nur Schotter, manchmal so steinig, dass man Angst hat, das Rad zu demolieren. Wir dringen weiter in die Schlucht vor, stetig leicht bergan, ein Kanal, vermutlich für die Bewässerung der Olivenbäume, begleitet uns zur Linken. Nach ingesamt knapp 20 km wollen wir doch mal sehen, wohin uns dieser Weg überhaupt führt und ob es irgendwo auch eine Möglichkeit zur Rückkehr gibt. 

Ein Stück zurück, den Kanal überqueren und dann etwa nach 4 Kilometern in der Höhe könnten wir die Straße nach Delphi erreichen. 

Wir probieren den Weg, zunächst noch gut befahrbarer Schotter, doch schon bald verwandelt er sich in eine steil ansteigende Steinpiste, die wir mit größer Mühe mit unseren E-Biks meistern. Zwischendurch empfangen uns Esel am Straßenrand. Eine Eselmutter mit ihrem Jungen kommt direkt auf mich zu und betrachtet mich intensiv. Winfried, ein Stück hinter mir, ist ebenfalls von einem Esel beglückt worden. Erwarten sie was Essbares? Nach ein paar Pflichtfotos, bahnen wir uns einen Weg durch die Grautiere und weiter geht es bergan bis das Sträßchen in Teer übergeht. An einer Weggabelung kurz vor Erreichen der Hauptstraße zur Linken Sarkophage aus römischer Zeit, völlig unbeachtet von den Touristenmassen, die einen Kilometer weiter das Orakel von Delphi befragen. Einige der Steinsärge sind vollständig erhalten, sogar Ornamente zeichnen sich bei einem noch ab, die Deckel zur Seite geschoben und natürlich leer. 

Wir erreichen die Hauptstraße und passieren alsbald am Straßenrand die parkende Autoschlange der Delphibesucher. Links und rechts der Straße dann die Monumente. Wir haben das alles vergangenen August schon ausgiebig besichtigt, so dass wir uns im Örtchen in einem Café, das wir auch vergangenes Jahr besucht haben, auf der Terrasse mit weitem Blick in die Schlucht bis hin nach Itea am Meer, ausruhen und stärken. 

Auf dem Rückweg rauschen wir etwa 10 km bergab und sind dann wieder auf Meereshöhe. In Delphi, 500 m höher über dem Meer gelegen, ist es deutlich kühler und während der Abfahrt fröstelt es mich trotz Fleecejacke. Mit jedem Kilometer wird es angenehmer und wärmer. In Itea setzen wir uns noch eine Weile ans Meer und wärmen uns in der nachmittäglichen Sonne. 

Dann noch ein paar Einkäufe und zurück zum Campingplatz, wo wir diesen herrlichen Platz über dem Meer genießen. 

Abends gibt es Nudeln Arrabiata und Rotwein aus der Region. 

Tag 25 – Freitag, 23. September 2022

Der Morgen ist kühl, die Sonne kommt allmählich über die Berge im Osten. Beim Abwasch nach dem Frühstück treffe ich auf den Herrn, der gestern Nachmittag neben uns Quartier bezogen hat. Offensichtlich ein Berliner. Als ich ihn anspreche, versteht er mich nicht. Er spricht kein Deutsch. Wie ich später erfahre, ist er Israeli und hat sich in Berlin das Wohnmobil geliehen mit dem er seit 4 Jahren in ganz Europa und der Türkei unterwegs ist. Im Sommer im Norden, im Winter im Süden. 

Den weiteren Vormittag verbringe ich mit arbeiten und gehe dann an den Strand und genieße die Sonne. Gegen halb eins brechen wir mit den Rädern auf. Wir wollen heute die gegenüberliegende Seite der Bucht erkunden. Zunächst durchfahren wir die Orte Kirra und Itea, ein Kreuzfahrtschiff ankert und bringt vermutlich Besucher für Delphi, wir kommen vorbei am Tagebau mit der rotbraunen Erde. Was dort abgebaut wir, wissen wir immer noch nicht. Die Straße verläuft meist nicht direkt am Meer und es geht abwechselnd bergan und bergab. Es gibt kaum fruchtbares Land, auf den nahezu kahlen felsigen Hügeln findet nur wenig Buschwerk Halt. Wir passieren einige Buchten, es gibt kaum Bebauung und wenn, dann meist verlassen und ruinös. Nach etwa 15 Kilometern Fahrt kommen wir in eine recht zersiedelte Ortschaft, in der nur noch wenige intakte und bewohnte Gebäude ausfindig zu machen sind. Hier hat man wohl immer wieder mal versucht, Touristen anzulocken und ist gescheitert. Ruine reiht sich an Ruine, viele der Gebäude wurden erst gar nicht fertiggestellt. Die Straßenränder gleichen einer ewigen Müllhalde, die Autofahrer scheinen ihren Dreck einfach aus dem Fenster zu werfen. Nicht sehr erbaulich und so kehren wir nach knapp 20 km Fahrt auf dem selben Weg zurück. In Itea erledigen wir noch ein paar Einkäufe und fahren dann zurück auf den Campingplatz. Auf unserem schönen Platz über dem Meer döse ich in der Sonne, es ist ruhig, nur das Rauschen der Wellen und ab und zu ein paar Grillen sind zu hören. Seit die ständig laut quasselnden Franzosen abgereist sind, ist Ruhe eingekehrt. Die herbstliche Sonne wärmt wunderbar, der Campingplatz ist heute nahezu leer. Am Abend soll es Schweinefilet vom Grill mit Kartoffeln, Zucchinigemüse und Tsaziki geben, eine logistische Herausforderung für unsere Miniküche. Wir bekommen es aber ganz gut hin, es schmeckt vorzüglich. 

5 Kommentare zu „Griechenland Nord Herbst 2022“

  1. Maria Treitinger

    Liebe Lu, lieber Winnie, die Reise steht ja unter einem guten Stern, alles hat super geklappt. Und der Reisebericht ist für uns Nichtreisenden auch prompt schon parat. Das Lob ich mir. Da können wir direkt an eurem Abenteuer teilhaben. Eine gute Nacht und eine erfolgreiche Weiterreise. 💕

      1. Liebe Lu, es ist sehr spannend deine Reiseberichte zu lesen. Die Stätten der alten Griechen direkt life zu erleben stelle ich mir sehr erhebend vor. Ich habe den Eindruck, dass ihr eine richtige Abenteuerreise unternehmt! Ganz schön mutig und so eine Unternehmung scheint ausnahmslos verjüngend zu wirken, nicht nur beim Winfried. Deine Fotos strahlen Jugendlichkeit und Freude aus. Freue mich auf die nächsten Berichte. Schöne Grüße Mary

  2. Liebe Lu, lieber Winnie, richtig spannend eure Reise. Beim Lesen findet man dich direkt mittendrin und so, als wäre man dabei. Freue mich auf die nächsten Berichte. LG Mary

  3. Liebe Lu und lieber Winnie, eure reist ist für uns Außenstehende sehr geheimnisvoll und zauberhaft. Die Reiseberichte sind sehr spannend und ich hoffe sehr, dass wir die ein oder andere Reise „nachreisen“ können. Eine gute Weiterreise. LG Mary

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